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© 2004 wiege

Im Rahmen des Jahresprogramms mit sechs Tagungen zum ersten "Jubeljahr" der Achberger Arbeitsstätten im 33. Jahr nach ihrer Gründung war vom 16. bis 22. Mai zu einer Forschungstagung eingeladen, bei der die Frage nach den Quellen von Joseph Beuys bei seinem volkspädagogischen Wirken für die Dreigliederung des sozialen Organismus der zu erkundende Gegenstand war.


I. Das Motiv zu dieser Arbeit ergab sich zum einem aus der nach dem Tod des Künstlers (1986) festzustellenden Tendenz, dass es in der fast unüberschaubar gewordenen Fülle der Literatur zu Beuys einerseits nur vergleichsweise dürftige und von wenig Sachkunde getragene Stellungnahmen zu dieser Seite seines Wirkens gibt; andererseits aus dem Kreis von Schülern, Anhängern und Freunden des 1921 geborenen Rheinländers neben verdienstvollen Kommentierungen auch zahlreiche Legendenbildungen, unzutreffende oder die Wahrheit eher verschleiernde Beschreibungen gerade zu diesem Teil seiner Biographie in Umlauf gebracht wurden und werden.
· Zum andern hatte die 1971 ihre Tätigkeit aufnehmende Achberger Arbeitsstätte wie kein anderer Ort und Personenkreis einen prägenden Einfluss auf den Weg, den Beuys im Hinblick auf den ihm schon 1941 bekannt gewordenen Impuls der sozialen Dreigliederung insbesondere ab Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gegangen ist.
Der Hauptgrund, dass es, auf diese Zusammenhänge bezogen, bisher so viele Unklarheiten gibt, liegt wohl in erster Linie darin - das war ein erstes Ergebnis, das man im Kreis der zusammengekommenen Forschungsgruppe, durch zahlreiche Dokumente belegt, festzustellen hatte -, dass Beuys in seinen Hunderten von Interviews, Vorträgen und vergleichsweise wenigen schriftlichen Äußerungen nur sehr selten und auch dann recht spärlich explizit Einblick gab, welche Personen oder Werke für ihn die wichtigsten Quellen für seine Tätigkeiten auf diesem Gebiet waren.

II. Bevor hier zusammengefasst werden soll, was während der ganzen Tagungswoche sehr genau belegt und in zahlreichen bisher unbekannten Details nachgewiesen werden konnte, ist eine weitere Prämisse von Bedeutung, ohne die man das "Phänomen Beuys" unter dem hier zu beleuchtenden Aspekt nicht realistisch beurteilen kann.
Dass auf Beuys sehr viel Medienaufmerksamkeit und öffentliches Interesse auch hinsichtlich seines volkspädagogischen Wirkens gerichtet war, ergab sich primär nicht aus letzterem. Auch darf man sich fragen, ob es die ihn zu Lebzeiten meist umringende Schar von Anhängern und die posthum von einigen wenigen unermüdlich gepflegte, weitgehend unkritische "Beuysrezeption" in dem Umfang gegeben hätte bzw. geben würde, wenn Beuys nicht als Künstler im engeren Sinn seit Anfang der siebziger Jahre mit seinen Objekten im globalen Kunstmarkt auf den Spitzenplatz vorgerückt wäre, weil einige Sammler seine Erzeugnisse z. T. en bloc kauften, darf man durchaus bezweifeln. Kein Zweifel hingegen besteht daran, dass Beuys seine inhaltliche "Botschaft" vor allem für Leute der jüngeren Generationen höchst anregend, mit individueller Prägung und aus einer gewissen selten gewordenen Übersicht über weite Lebensgebiete darzulegen verstand; doch ohne dass er aus der Rolle des "Medienstars" agieren konnte, hätte allein diese Tatsache wahrscheinlich sehr viel weniger Resonanz und Bewunderung hervorgebracht. Auch heute profitieren so manche bei der Vermarktung seiner "Botschaft" eindeutig von dieser Komponente.
Dies beachtend, galt die Achberger Forschungswoche zum Thema "Beuys und seine Quellen" dem Wirken des Künstlers für - traditionell gesagt - den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus.

III. Denn welches z. T. originelle Vokabular er auch einsetzte und wie wenig er dazu explizit aufklärte: Er hatte sich dieses spätestens seit 1967 zu seiner Hauptaufgabe gemacht. Die sozusagen "logische Brücke" dazu bildete sein "erweiterter Kunstbegriff", d. h. er übernahm von Rudolf Steiner die Dreigliederungsidee und bezog sie im Sinne der Vorstellung Schillers vom "größten aller Kunstwerke", dem "Bau der wahren politischen Freiheit", auf die soziale Lage der Menschheit - und insbesondere Mitteleuropas bzw. des geteilten Deutschlands - im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Es wurde schon erwähnt, dass er in seinem zwanzigsten Lebensjahr (als Kriegsteilnehmer) durch einen Freund auf Steiner und die Anthroposophie aufmerksam gemacht wurde und in diesem Zusammenhang auch die Dreigliederungsidee kennen gelernt hatte.
Erst ein gutes Vierteljahrhundert später startet er diesbezüglich eine erste Initiative, ohne die geistige Quelle zu erwähnen: Als Professor für Bildhauerei gründet er nach dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras am Rande einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien in Berlin erschossen worden war, mit einigen seiner Schüler an der Kunstakademie Düsseldorf die "Deutsche Studentenpartei". Diese Initiative blieb aber während der folgenden zwei Jahre, in denen sich die marxistisch orientierte Studentenbewegung und die sozialistisch geprägte Außerparlamentarische Opposition über die ganze Bundesrepublik ausbreitete, unbekannt. Wer jedoch ihr Gründungsprotokoll liest und die Dreigliederungsidee kennt, sieht sofort, dass sie, also Steiner, insofern die Inspirationsquelle war.

IV. Für das, was sich zunächst bis 1970/72 bei Beuys anschloss, muss man nun wissen, dass er - freilich noch ohne direkte Kommunikation - in Kontakt stand mit einer anderen Aktivität, deren Quelle ebenfalls die Anthroposophie und im besonderen- in diesem Fall aber explizit - die Dreigliederungsidee war. Es war dies die Arbeit von Peter Schilinski. Er, Jahrgang 1916, war wegen einer Hüftverletzung vom Militärdienst befreit und arbeitete während der Kriegszeit als Sonderschulpädagoge in Vorpommern und flüchtete gegen Kriegsende mit seiner jungen Familie nach Schleswig-Holstein. Hier traf er auf marxistisch gesinnte Altersgenossen, mit denen er einen Studienkreis bildete, in welchem sie die Frage besprachen, wie es zur Naziherrschaft, zum Krieg, zur Katastrophe in Deutschland kommen konnte. Und im Zuge der Suche nach Antworten brachte eine Teilnehmerin eines Tages die ihr per "Zufall" in die Hände gefallene Schrift "Die Kernpunkte der sozialen Frage" von Rudolf Steiner mit. Am Für und Wider zu dieser Schrift brach der Kreis schließlich auseinander - aber bei Schilinski hatte sie die nachhaltigste Wirkung nicht verfehlt. Es gingen ihm daran nicht nur die Erkenntnisse auf seine dem Zeitgeschehen geltenden Fragen auf, sondern er erlebte diese Ideen Steiners zutiefst existenziell und machte es sich fortan zur Lebensaufgabe, den ihm möglichen Beitrag für ihre Verwirklichung zu leisten. Natürlich interessierte den gerade Dreißigjährigen, wo denn in Deutschland die Anthroposophen wären, denen die damit verbundenen Aufgaben wie ihm selbst am Herzen lägen. Er reiste mit dem Rucksack auf dem Rücken von Nord nach Süd durch das zerstörte Land- doch er fand weniger als ein halbes Dutzend, die für seine Anliegen ein offenes Ohr hatten. Wieder nach Schleswig-Holstein zurückgekehrt, traf er auf Sylt Ursula Weber, eine verwitwete junge Schauspielerin, die der Kriegsgefangenschaft entronnen war und sich für PS und seine "Mission" interessierte. Man suchte nach einer Möglichkeit wirtschaftlicher Unabhängigkeit und gründete Anfang der fünfziger Jahre auf der Insel in einer alten Scheune eine Teestube und integrierte ihr ein höchst lebendiges Kulturzentrum, ein Forum, auf welchem insbesondere Schilinski, der frühere Sonderschulpädagoge, nun den Schritt zum historisch ersten Volkspädagogen für Anthroposophie und Dreigliederung machte.
V. Es ist hier nicht der Ort, die breite Vielfalt und große Intensität dieser Arbeit genauer zu beschreiben. Der spätere Zusammenhang zu Beuys, worüber zu berichten ist, ergab sich durch die seit Ende der fünfziger Jahre von Schilinski herausgegebene Monatszeitschrift "Das mitteleuropäische Deutschland", später "Zeitkommentare für Jedermann". In dieser Zeitschrift kommentierte ihr Herausgeber einerseits die Ereignisse des Zeitgeschehens und andererseits interpretierte er in immer neuen Anläufen Steiners "Kernpunkte". Dabei stieß er z. T. auf ein Verständnis der Dinge, wie man es vom Wortlaut der Schrift her gesehen überraschend finden kann. Und Beuys war - mit Sicherheit schon 1967 - Abonnent dieses Blattes, das ab dieser Zeit auch so etwas wie das Gesellschaftsorgan einer neu sich bildenden Dreigliederungsbewegung, die innerhalb der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition zu wirken begonnen hatte, wurde. Diese Aktivitäten ergaben sich aus der Begegnung Peter Schilinskis mit Wilfried Heidt (und einigen anderen Freunden) im Herbst 1966. Heidt, Jahrgang 1941, studierte damals in Basel Philosophie, Geschichte, Soziologie, Germanistik, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft. Er war im Umfeld der Universität 1962 auf Steiner (als Erkenntnistheoretiker) gestoßen, war politisch engagiert und stand in Deutschland in Verbindung mit Strömungen, die über die Idee eines "dritten Weges" jenseits von Kapitalismus und Kommunismus nach einer Überwindung der deutschen Spaltung suchten. Auf diesem Hintergrund ergab sich dann auch folgerichtig ein aktualitätsbezogenes Verständnis für Steiners soziale Ideen. So stand gleich bei der ersten Begegnung mit Peter Schilinski die Frage im Raum, was man tun könne, um im Zusammenhang des sich abzeichnenden Aufbruchs neuer politischer Bewegungen mit dem Dreigliederungsimpuls im Zeitgeschehen Fuß zu fassen. Auch über die entsprechenden Aktivitäten und Initiativen, zu denen man kam, wurde in der Zeitschrift berichtet, und so landeten diese Informationen - bis hin zu den Überlegungen über die Gründung eines Arbeitszentrums, welches die bisherigen, weit auseinander liegenden Standorte, an denen Schilinski und Heidt tätig waren, zusammenführen sollte - auch auf dem Tisch von Beuys in Düsseldorf.
Wie gesagt: Ein Kontakt dahin bestand in dieser Zeit noch nicht. Und Beuys nahm trotz der Informationen, die ihm über die Arbeit von Schilinski und Heidt vorlagen, den Kontakt zu ihnen seinerseits nicht auf.

VI. In der Tagungswoche konnten wir anhand der Dokumente aus den Jahren 1968 bis 1971/72 aber nachvollziehen, wie Beuys sowohl Ideen wie Projekte und Planungen, über die in den "Zeitkommentaren" berichtet wurde, aufgriff und in seine eigenen Aktivitäten integrierte - allerdings wieder ohne Hinweis auf die Quellen. An hauptsächlich drei Beispielen ist das festzustellen:
1. Es war Peter Schilinski zu verdanken, dass er - wie lange sonst niemand - das Demokratieverständnis der Dreigliederung mit dem Gedanken der Volksabstimmung über die Grundrechte in Verbindung brachte. Schon 1952 hatte er in Schleswig-Holstein eine VolksabstimmungsInitiative gegen die Wiederbewaffnung in der BRD ergriffen.
2. Dieser grundlegende politische Gesichtspunkt spielte auch - ausgehend von dem unter der Leitung von WH seit Juli 1968 in Lörrach angesiedelten "Republikanischen Club" - eine zentrale Rolle in dem Projekt, das 1968/69 als "Demokratische Union" von PS und WH gestartet wurde. Es war dies der Versuch, die drohende ideologische Zersplitterung der Außerparlamentarischen Opposition zu verhindern. Auch in einigen Massenmedien - z. B. in Der Spiegel, Frankfurter Rundschau, Die Zeit und Süddeutsche Zeitung - gab es darüber ausführliche Berichte. Unter Bezugnahme auf die Ideale des "Prager Frühlings", den WH und PS mit Freunden vor der Okkupation am 21. August in Prag einige Wochen lang studiert und zahlreiche Kontakte zu führenden Persönlichkeiten dieser "geistigen Revolution" geknüpft hatten, wurde die Dreigliederung als Ideengrundlage dieses Projekts zum ersten Mal in einer Art Manifest als die gesellschaftliche Alternative des Zusammenwirkens von Freiheit, Demokratie und Sozialismus beschrieben.
3. Ähnlich dem Schicksal von Steiners Experiment 1919, das von fast allen politischen Gruppierungen bekämpft wurde, gelang es auch dieses Mal zunächst nicht, einen pluralistischen politischen Ansatz für eine konkrete Dreigliederungsentwicklung zu etablieren. Es gab noch viel zu wenige, denen die Erkenntnisse für diese Perspektive geläufig genug gewesen wären, um an den realistischen Aufbau einer entsprechenden Organisation denken zu können. Das ließ den Gedanken, die Kräfte in einer zentralen Institution zu bündeln, um die notwendige Forschungs- und Schulungsarbeit konzentriert leisten zu können, in den Vordergrund treten. In dieser Situation kam aus der Gemeinde Achberg - auf halbem Weg zwischen Wangen im Allgäu und Lindau am Bodensee gelegen - von dem in den zwanziger Jahren dem Bauhaus verbundenen Künstlerehepaar Mila und Hans Hoffmannlederer die Einladung, dieses Vorhaben an diesem Ort zu realisieren. Sie boten dafür ein Grundstück an. Dieses Angebot war der äußere Anlass, die Konzeption für ein Internationales Kulturzentrum zu entwickeln. Es geschah dies insbesondere während der Sommermonate 1970 in einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Wilfried Heidt und Peter Schilinski. Die Darstellung des Projektes mit seinen verschiedenen Institutionen - einer Waldorfschule, der Keimzelle einer Freien Universität mit wissenschaftlichen und künstlerischen Einrichtungen, vernetzt mit verschiedenen Werkstätten und assoziierten kommerziellen Unternehmen - wurde wieder in den "Zeitkommentaren" publiziert.
Erst in dieser Zeit tauchten auf Sylt und in Lörrach die ersten indirekten Signale aus der Arbeit von Beuys auf. Er hatte, offensichtlich angeregt durch die Artikel in Schilinskis Zeitschrift, seine "Deutsche Studentenpartei", die, wie gesagt, nirgends namhaft in Erscheinung getreten war, übergeführt in eine "Organisation der Nichtwähler - Freie Volksabstimmung" und schloss dieser kurz darauf ein in Düsseldorfs Andreasstrasse eröffnetes "Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung" an. Und es wurden aus dem Büro von dessen Mitarbeiter Karl Fastabend Texte verbreitet, welche die triadische Formel "Freiheit, Demokratie, Sozialismus" für die Kennzeichnung des gesellschaftlichen Zieles dieser Initiative übernahmen. Auch hier ohne Hinweis auf die Quellen ...
Zur Jahreswende 1970/71 wurde dann das Internationale Kulturzentrum in Achberg gegründet. Weil in der Gemeinde Achberg damals ein für den Ausgangspunkt der Arbeit geeignetes Objekt, ein 1963 gebautes Tagungshotel, zum Verkauf angeboten war, bemühte man sich, die dafür erforderlichen Mittel aus dem Freundes- und Abonnentenkreis der Zeitschrift zu mobilisieren. Dazu startete man eine schließlich erfolgreiche "Bausteinreise". Sie führte auch zur ersten persönlichen Begegnung mit Beuys nach Düsseldorf; von da an datiert die Zusammenarbeit mit ihm.
Während die Freunde um Schilinski und Heidt nach dem Erwerb des angebotenen Objektes, das den Nam
en "Humboldt-Haus" erhielt, mit dem Aufbau des Projektes in Achberg begannen, bereitete Beuys seinen Beitrag zur V. Documenta (1972) in Kassel vor, der darin bestehen sollte, dass er das Düsseldorfer "Büro für direkte Demokratie" "ausstellten" und gleichzeitig 100 Tage mit den Besuchern über die Fragen der Dreigliederungsidee, des Parteiensystems und der direkten Demokratie diskutierten wollte. Vieles wurde darüber aufgeschrieben, aber wieder finden sich nur wenige Hinweise, aus welchen Quellen Beuys für diesen Teil seines Wirkens schöpfte.
Auch als er im Herbst 1972 mit der Initiative zur Gründung einer "Schule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung" - später weitergeführt als "Free International University (FIU)" - hervortrat, konnten nur jene, die das im Januar 1972 vom Achberger Kulturzentrum unter dem Titel "Freiheit, Demokratie und Sozialismus als Friedensideen im sozialen Leben und im Lebenszusammenhang der Völker" verbreitete, von Wilfried Heidt verfasste Buch über die sozialwissenschaftlichen Grundlagen in Auseinandersetzung mit den Ideologien des Marxismus bzw. Liberalismus und über die institutionelle Gesamtplanung des Zentrums kannten, sehen, wie sehr auch diese Initiative offensichtlich von der Achberger Arbeit angeregt war. Aber auch diesbezüglich gab Beuys den Zusammenhang zu seinen Freunden nicht zu erkennen.
Auch wer die bis in diese Zeit reichende Literatur zu Beuys - sei es die seiner Schüler und Anhänger, sei es die der Journalistik oder Wissenschaft - heranzieht, wird nur sehr wenig Aufschluss über die zunächst bis hierher ins Licht gerückte Bedeutung der Arbeit von Peter Schilinski und Wilfried Heidt für sein volkspädagogische Wirken erhalten. Wobei sich besonders die Frage stellt, warum auch erstgenannte Autoren, für die es ein Leichtes gewesen wäre, sich die entsprechenden Informationen zu beschaffen, die Dinge nicht objektiv und wahrheitsgemäß mitteilen.

Diese Frage spitzte sich im zweiten Teil der Achberger Forschungswoche weiter zu. Sie galt der Erkundung des Themas der Tagung für die Zeit zwischen 1973 und 1986, dem Todesjahr von Beuys.

VII. Jetzt, das konnte mit zahlreichen Dokumenten belegt werden, trat immer deutlicher die Schlüsselrolle hervor, die Wilfried Heidt in dem ganzen Zusammenhang zukam. Zunächst war er in Achberg der entscheidende Ideen- und Impulsgeber für die Arbeit, insofern diese nicht einfach eine Weiterführung desjenigen war, was die verantwortlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schon vor ihrer Achberger Zeit getan hatten. Alle größeren Initiativen, ihre Konzeptionen, ihre Organisation und Durchführung - um, entsprechend der Projektbeschreibung vom Januar 1972, nur die wichtigsten zu nennen: Der "Ständige Jahreskongress Dritter Weg" (ab 1973), das "Institut für Sozialforschung und Entwicklungslehre" (ab 1973), die Sommeruniversitäten (ab 1974), der Unternehmensverband "Aufbauinitiative Dritter Weg" (ab 1977), die Rolle in der Zeit der Vorbereitung für die Partei "Die Grünen" (ab 1978) und schließlich ab 1982 das Projekt "Aktion Volksentscheid" mit dem Ziel, die Idee der "dreistufigen Volksgesetzgebung" in der BRD verfassungsrechtlich zu verankern - hatten Wilfried Heidts Arbeit zum Ausgangspunkt. Da sich diese Entwicklungen auf einen großen Kreis von Mitwirkenden aus zahlreichen europäischen Ländern und mehreren Kontinenten erstreckte, bedeutete das, dass auch alle die vielen Begegnungen zwischen Menschen in ihrem Leben und Wirken ohne diese Initiativen wohl nie zusammengekommen wären.

VIII. Das betrifft nun auch in ganz besonderer Weise die Auswirkungen, welche dieses Sich- Begegnen auf dem Schauplatz der Arbeit in Achberg im Lebens- und Werklauf von Joseph Beuys hatte. Unter allem ragt dabei heraus, was für ihn die Begegnung mit Wilhelm Schmundt bedeuten sollte. Denn diese Begegnung mit dem Physiker, Elektroingenieur, pensionierten Hannoveraner Waldorflehrer und Sozialwissenschaftler vom Jahrgang 1898 war es, die sein volkspädagogisches Wirken ab Sommer 1973 bis zu seinem Lebensende entscheidend beeinflusste. Ja, jeder Kundige wird zugeben müssen, dass die geistige Gestalt des Joseph Beuys ab diesem Moment eine zusätzliche Dimension bekommen hat. Das fand u. a. auch seinen Ausdruck in der Intensivierung seiner Zusammenarbeit mit Wilfried Heidt.
Da dieser als bester Kenner dieser Konstellationen in der Tagung selbst alle Aspekte dessen darstellen und erläutern konnte, wurde - besonders für uns jüngere, fünfundzwanzig- bis fünfunddreißigjährige Teilnehmer der Forschungstagung - ein spannendes Stück Zeitgeschichte der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts unmittelbar gegenwärtig.
Während Beuys, wie erwähnt, als Künstler ein weltweit berühmter Zeitgenosse war, war - außer in engen Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft und der Dornacher Freien Hochschule für Geisteswissenschaft - Wilhelm Schmundt (1992 †) ein gerade auf seinem sozialwissenschaftlichen Forschungsgebiet bis Anfang der siebziger Jahre ein Unbekannter geblieben. 1968 erschien im Goetheanumverlag sein erstes, schmales Buch unter dem Titel "Die Freiheitsgestalt des sozialen Organismus" - die Grundzüge einer "Elementarlehre", wie er selber es nannte. Doch diese Schrift und ihr Verfasser blieben unter Anthroposophen weitgehend unbeachtet oder missverstanden.
Das begann sich erst zu ändern, als Wilfried Heidt - auch er, zwei Generationen jünger als Wilhelm Schmundt, hatte dessen Schrift 1969 zunächst vorurteilsbeladen zur Seite gelegt und nicht unbefangen studiert - nach einer Begegnung mit dem Autor im Frühjahr 1973 im anthroposophischen Studienhaus Rüspe diesen nach Achberg einlud, um in einem internen Seminar von Schmundt über mehrere Tage zu hören, welches die Erkenntniswege waren, die ihn zu seiner "Elementarlehre" führten, von der er sagte, erst durch sie sei - goetheanistisch - aus der urbildhaften Anschauung des Wesens der Sache ideenwissenschaftlich begründet, was Rudolf Steiner in seinen Vorträgen und Schriften zur Dreigliederung mehr der "Illustration" halber dargestellt habe (s. Steiners Schlussvortrag beim Wiener Ost-West-Kongress am 11. Juni 1922). Es ging also um ein vertieftes Verständnis dieser Idee.
Auch in Achberg selbst schieden sich an diesem Ereignis die Geister. Die einen meinten, es sei dies für die gestellten Aufgaben ganz überflüssig, ja irreführend, für die andern aber wurde es zur geistigen Erfahrung, dass das eigene Wirken Schmundts Forschungsergebnisse künftig unbedingt zu berücksichtigen habe. Dies, und nicht etwa persönliche, subjektive Differenzen, war auch der wirklich Grund dafür, dass das bis dahin sehr konstruktive Zusammenwirken zwischen Peter Schilinski und Wilfried Heidt im Kern einen Bruch erlebte, der leider nicht mehr geheilt werden konnte (PS starb 1992). Wie einem der Jüngsten im Kreis der Achberger Mitarbeiterschaft, Ulrich Rösch, heute Mitarbeiter der Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum, war auch Heidt sofort die epochale Bedeutung der Arbeit Schmundts für die Weiterführung der Dreigliederungsforschung klar geworden und er verständigte sich mit Schmundt über dessen Mitwirkung an der Achberger Arbeit. Und so kam es im August 1973 anlässlich des ersten Jahreskongresses "Dritter Weg" auch zur ersten Begegnung Schmundts mit Beuys. Das Thema "Ideen und Impulse des Prager Frühlings" führte fünf Jahre nach der sowjetischen Niederschlagung der tschechoslowakischen Reformbewegung für einen "Sozialismus mit dem Antlitz des Menschen" (Dubcek) über 500 Teilnehmer nach Achberg, um an Vorträgen, Seminaren und Diskussionen mit führenden Wissenschaftlern, Künstlern und anderen Geistesschaffenden aus zahlreichen Ländern teilzunehmen. Wahrscheinlich war dies überhaupt das erste öffentliche Zusammentreffen einer größeren Zahl anthroposophischer und nichtanthroposophischer Gelehrter zum gemeinsamen Nachdenken über eine postkapitalistische und postkommunistische gesellschaftliche Zukunft. So begegneten nahezu alle prominenten Vertreter der wissenschaftlichen Dreigliederungsarbeit jener Jahre führenden Ideengebern und Verantwortlichen aus der Zeit des "Prager Frühlings" (um hier nur Ota Sik, den Wirtschaftsminister, Jiri Kosta, seinen engsten Mitarbeiter und den Philosophen Ivan Svitak zu nennen).
Eindrucksvoll wurde berichtet, wie sich unter den vier Generationen der Teilnehmer über zehn Tage in allen Einrichtungen des Kulturzentrums, auf dessen herrlichem Gelände und in verschiedenen, in die Arbeit einbezogenen Institutionen der Gemeinde Achberg nicht nur ein reges Geistesleben entwickelte, sondern auch zu erleben war, wie im Laufe der Tage die Erfahrung entstand, dass man trotz der so verschiedenen Herkünfte und Lebensschicksale eine große Versammlung von Geistesverwandten war.

Entlang dem roten Faden der Forschungstagung war nun die Feststellung wichtig, dass sich auch in diesem erweiterten Rahmen und während der folgenden Jahre an Wilhelm Schmundts engagierten, jedoch recht zurückhaltend vorgetragenen Beiträgen die Geister schieden: es gab jene, die sie als wesentliche Bereicherung für ihr eigenes Erkennen und Handeln sahen - wie z. B. Leif Holbaek-Hansen (Bergen) und Markus Kühn - und jene, die ihnen mit Ignoranz oder - wie im Falle H. G. Schweppenhäusers (Berlin) und Boris Tullanders (Uppsala) - mit vehementer Ablehnung gegenübertraten.

IX. Für Beuys wurde die von Schmundt entwickelte "Elementarlehre des sozialen Organismus" - insbesondere, nachdem weitere vom Achberger Verlag publizierte Schriften Schmundts (wie die Aufsatzsammlung "Evolution und Revolution" und der Entwurf für "Zeitgemäße Wirtschaftsgesetze") erschienen waren - in Ergänzung seiner bisherigen geisteswissenschaftlichen Erkenntnisgrundlagen und dem, was er aus der Arbeit von Peter Schilinski und Wilfried Heidt aufgegriffen hatte, geradezu eine Art Vademekum, das von nun an sein öffentliches Wirken bei zahlreichen Anlässen prägte. Nicht nur die Begriffe, die er in den Mittelpunkt seiner sozialen Aufklärung stellte - z. B. der "erweiterte Kunstbegriff", "soziale Plastik", "Kunst = Kapital" usw. -, sondern auch seine Projekte, mit denen er bei der V. Documenta 1977 ("Honigpumpe am Arbeitsplatz") und bei der VI. 1982 ("7000 Eichen", "Hase mit Sonne und Zubehör" und "Friedenshase") beteiligt war, waren mehr und mehr Zeichen und Hinweise auf den Erkenntniszusammenhang der "Elementarlehre". Schmundt war für Beuys - wie er ihn im Kreis seiner Freunde und Schüler nannte - "unser großer Lehrer" geworden. Doch obwohl er diese neue Quelle gelegentlich auch öffentlich benannte, blieb auch sie mehr im Verborgenen - jedenfalls mehr als der Sache dienlich war.
Denn - und das galt schon für alles Vorherige - für die Öffentlichkeit wie für das Umfeld seiner Anhänger musste durch diese Arbeitsweise, die Quellen, aus denen geschöpft wurde, nicht deutlich genug zu erkennen zu geben, der Eindruck entstehen, es handle sich bei den Ideen und Begriffen seiner Botschaft um von ihm originär geschöpfte Einsichten. Und weil Beuys ohne Zweifel ein charismatischer Kommunikator und Interpret für den heutigen Menschen und die Menschheit wesentlicher objektiver, jedoch aus dem offiziellen Kulturleben verdrängter Wahrheiten war, die aber durch die Originalität seiner Sprache und Darstellungsweise oft auch im Schlagworthaften, Schillernden und Fragmentarischen stecken blieben - was bei vielen oft nur zu einem scheinbaren Verständnis und eher selten zu der Motivation führte, sich ebenso solide und gründlich wie er selbst auch mit seinen Quellen zu befassen - entstand insbesondere posthum das Phänomen einer Anhängerschaft und Beuyspropaganda, die weder seiner Leistung noch seinem Verhältnis zu dem Werk derer gerecht wird, auf deren Arbeitsergebnisse er sein Wirken stützte.

Anhand mehrerer Dokumente konnte bei der Tagung gezeigt werden, dass dasjenige, was von seinen zahlreichen Vorträgen und Interviews festgehalten worden ist, der Kern dessen, worum es auch ihm ging, ohne die Kenntnis der Quellen oft nicht sachgemäß verstanden werden kann. Deshalb gab Wilfried Heidt allen, die sich von Beuys angesprochen fühlen und sich mit den Dokumenten seiner volkspädagogischen Aktivitäten befassen, den Rat, das Studium der Quellen nicht zu unterlassen.

X. In den beiden letzten Tagen der Forschungswoche berichtete WH - unterstützt und ergänzt durch Berichte von Herbert Schliffka, der in den siebziger und achtziger Jahren als Achberger Mitarbeiter in Düsseldorf lebte und dort auch an der internen Arbeit teilnahm, die Beuys mit Freunden und Schülern leistete - dann noch von einigen Beispielen speziell seiner eigenen freundschaftlichen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Beuys, wodurch wichtige Beiträge zu dessen Werk entstanden sind und Projekte aufgebaut werden konnten.
1. Die Achberger Veranstaltungen zwischen 1973 und 1977 - in diesem Jahr fand der Achberger Sommerkongress Dritter Weg im Rahmen des Beuysschen Documenta-Projektes "Honigpumpe am Arbeitsplatz" statt - waren auch ein Treffpunkt von jungen Unternehmern aus verschiedenen Wirtschaftszweigen, die sich mit der Frage beschäftigten, wie man die Erkenntnisarbeit der Tagungen und Kongresse, insbesondere die Einsichten der "Elementarlehre" im Rahmen einer zu gründenden Assoziation freier Unternehmen fruchtbar machen könnte. Zur Documenta 1977 war man so weit gekommen, eine solche Assoziation als "Aufbauinitiative Dritter Weg" zu beginnen. In einer umfangreichen, von Wilfried Heidt verfassten Projektbeschreibung, die Beuys ins Englische und Italienische übersetzen und in der FIU international zirkulieren ließ, wurde die Gründung mitgeteilt. Beuys setzte diese Schrift in den folgenden Jahren bei vielen sich bietenden Gelegenheiten ein, und er nahm mit Beiträgen an den Jahresversammlungen der Assoziation teil.
2. Ein nächster Anlass für eine unmittelbare Zusammenarbeit entstand gegen Ende 1978. Beuys bekam von der Kunstakademie Wien die Berufung auf einen dortigen Lehrstuhl, dem er schließlich nicht folgte, da ihm die Teilnahme an politischen Entwicklungen in der BRD, von denen noch zu berichten ist und die seine Präsenz verlangten, wichtiger erschien. Doch die Berufung brachte eine der großen deutschen Tageszeitungen, die "Frankfurter Rundschau" (FR), auf den Gedanken, Beuys zum Abschied aus Deutschland in ihrem Blatt eine ganze Seite zur Verfügung zu stellen für eine Mitteilung seiner Wahl. Er rief seinen Freund und Mitarbeiter WH in Achberg an und wollte wissen, was er vorschlüge, auf dieser Seite mitzuteilen. Nun, das war eine einmalige Gelegenheit, authentisch für mehrere Hunderttausend Leser kostenlos mitzuteilen, was man im gemeinsamen Engagement in diesem Moment als kundzutun am wichtigsten hielt. Heidt erinnerte sich an Rudolf Steiners "Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt" vom März 1919, mit dem er seine Dreigliederungsinitiative in Württemberg begann und schlug ein Parallelprojekt vor: In Deutschland bestand aufgrund der Teilung des Landes, der Verschärfung der Rüstungseskalation und der wachsenden, aber geistig-politisch zersplitterten Ökologiebewegung und anderer sozialer Bewegungen eine Herausforderung für ein solches Projekt. Beuys war über diesen Vorschlag begeistert, meinte aber, er könne das nicht erledigen. Das führte zu der Frage, ob WH diese Aufgabe übernehmen könne. Bis zum Termin der Veröffentlichung - vorgesehen war die Weihnachtsausgabe der Zeitung - standen zwei Wochen zur Verfügung. Als das Manuskript nach einer Woche vorlag, fuhr Wilfried Heidt mit Peter Schata zu Beuys nach Düsseldorf, um mit ihm den Text an einem Nachmittag und in der folgenden Nacht zu redigieren. Als "Aufruf zur Alternative" erschien die Arbeit am 23. Dezember mit Bild und Namen von Beuys in der FR. Am Schluss des Textes war mit ihrer Achberger und Düsseldorfer Adresse die FIU zur Kontaktaufnahme für Interessenten angegeben. Über Wochen hin meldeten sich viele, um in dieser Richtung mitzuarbeiten.
Inhaltlich war der "Aufruf" die Mitteilung dessen, was sich in den 5 Jahren ihrer Zusammenarbeit für Beuys und Heidt ideell, politisch und praktisch als das in dieser historischen Situation der Öffentlichkeit wesentlich Mitzuteilende ergeben hatte. Wer den Text studiert, wird - auch durch die entsprechenden Quellenangaben - erkennen, dass auch für dieses Projekt dasjenige eine zentrale Bedeutung hatte, was durch die Begegnung mit Wilhelm Schmundt der je eigenen Arbeit - in Ergänzung und Vertiefung der "Quelle Steiner" - eine neue Qualität gegeben hatte. Dass ein Beuysianer 1989/ 90 ohne Absprache mit dem Autor des Textes den "Aufruf" in hoher Auflage in der untergehenden DDR als die Botschaft von Beuys zur "Wende" verbreitete, zeigt immerhin, dass ihm zu diesem Aufklärungszweck über das Notwendige nichts geeigneter erschien; dass er dabei aber anstelle der Achberger Adresse seine eigene setzte, weist auch symptomatisch auf das Problem hin, das die Forschungstagung zu untersuchen hatte.
3. Nach der Documenta 1977, zu der insbesondere Peter Schata als Leiter des Achberger Verlages über Wochen hin die Durchführung des Achberger Jahreskongresses im Rahmen des Beuys-Projektes "Honigpumpe am Arbeitsplatz" vorbereitet hatte (was übrigens auch die erste Begegnung Beuys/Dutschke ermöglichte), galten zahlreiche Gespräche zwischen Beuys und Heidt der Frage, ob es an der Zeit sei, in der BRD eine zu den etablierten alternative Partei ins Leben zu rufen, um für den dritten Weg auch parlamentarisch wirken zu können. Dass dabei eine schwerpunktmäßig ökologisch akzentuierte Formation nicht als optimal angesehen wurde, zeigte sich auch im "Aufruf zur Alternative", wo als Stichwort zu dieser Frage der Begriff "Union für die Neue Demokratie" genannt ist. Als sich dann aber die Dinge innerhalb der ökologischen Bewegung so entwickelten, dass sich mehrere grüne Parteien und "Listen" bildeten, modifizierten Beuys und Heidt ihre Überlegungen zugunsten einer Beteiligung an dieser Entwicklung. Und so wurden die FIU und die "Aktion Dritter Weg" 1979 zwei von fünf Gründungsorganisationen der Partei "Die Grünen" und arbeiteten in den ersten Jahren mit der im "Aufruf" dargelegten "Alternative" sowohl in progammatischer wie in organisatorisch-struktureller Hinsicht an der Bildung des Profils dieser neuen politischen Kraft.

XI. Während Beuys mit den sehr aufwendigen Vorbereitungsarbeiten für seine Beteiligung an der Documenta 1982 ("7000 Eichen") beteiligt war, ergaben sich für die Achberger/Düsseldorfer Strömung bei den Grünen im Hinblick auf deren erste Beteiligung an einer Bundestagswahl (1983) wachsende Schwierigkeiten. Ihre Position des "Dritten Weges" wurde von linksmarxistischen und konservativen Gruppierungen, die den Grünen beigetreten waren, zunehmend bekämpft. Zwar war es längere Zeit ungewiss, wer die Oberhand gewinnen würde, aber schließlich waren es vor allem die intriganten und manipulierenden Methoden dieser Gruppen, welche die von Heidt/ Beuys und ihren Freunden verfolgte Strategie mehr und mehr abdrängen konnte. Das führte 1983 zu dem Entschluss, eines der wesentlichen Elemente dieser Strategie, nämlich den Gedanken der direkten Demokratie durch Volksabstimmung nicht nur in einer gewissen rudimentären Form durch die Grünen zu propagieren, sondern dieses Element unabhängig von den Grünen mit einer Bürgerinitiative zu verfolgen.
Daraus entstand dann das letzte große Projekt, das unter Achberger Federführung mit Beuys zusammen noch ein gut Stück gemeinsam betrieben werden konnte.
Wieder war es so, dass Beuys aufgriff, was in Achberg erforscht und konzipiert worden war. Bei dem Gedanken der direkten Demokratie ging es jetzt freilich nicht nur darum, wie in der Arbeit von Peter Schilinski und wie bei Beuys um 1972 nur allgemein die Volksabstimmung als Ergänzung oder Alternative zum Parlamentarismus zu propagieren. Vielmehr lagen der Initiative "Aktion Volksentscheid" zum einen umfänglich historische, verfassungsrechtliche, sozialwissenschaftliche und menschenkundliche Forschungen zu grunde und zum andern mündeten die dabei gewonnenen Erkenntnisse in der Erarbeitung der Idee der "dreistufigen Volksgesetzgebung" und dem Entwurf einer entsprechenden verfassungsgesetzlichen Regelung. Dieses Arbeitsergebnis wurde Anfang 1984 einerseits dem Deutschen Bundestag in Form einer Petitionsschrift vorgelegt und gleichzeitig in der größten deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" (1984/Nr. 1) veröffentlicht. Zehntausende schickten spontan ihre Zustimmungserklärung an die Initiative, bei der es ja um den ersten elementaren Schritt im Prozess der Verwirklichung der Dreigliederung aus der Mitte des Rechtslebens ging.
Indem Beuys als Mitträger der Initiative wirkte, floss dadurch in sein Werk auch dasjenige ein, was auf diesem Gebiet der Achberger Mitarbeiter Bertold Hasen-Müller, anthroposophisch orientierter Altphilologe, Philosoph, Historiker und Rechtswissenschaftler zur Profilierung des Projekts beitrug. BHM (Jahrgang 1932) war in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auf die Achberger Arbeit aufmerksam und dann insbesondere im Rahmen des Demokratie-Projektes prägend aktiv geworden.
Wilfried Heidt hatte Joseph Beuys nur wenige Wochen vor seinem Tod, in Unkenntnis einer nahenden Krankheit, eingeladen, an einem großen, von Anthroposophen in Witten geplanten Kongress mitzuwirken. Ärzte der Filderklinik hatten gegen Ende 1983 die Frage nach einer "politischen Initiative" aus dem Dreigliederungsimpuls aufgeworfen. Es schlossen sich über eine längere Zeit verschiedene Gesprächsrunden an, doch zu einer Initiative kam man nicht. Um die Sache nicht ganz im Sande verlaufen zu lassen, fasste man den Entschluss, wenigstens einen Kongress zu veranstalten. Es fand sich für die Durchführung ein Mäzen und so kam es im November 1985 zum "Mitteleuropa"-Kongress in der Stadt-Halle zu Witten. Wilfried Heidt und Bertold Hasen-Müller waren Mitglieder einer Vorbereitungsgruppe. Doch ihr Vorschlag, Joseph Beuys zu einem Vortrag im Plenum einzuladen, wurde abgelehnt. 1985 galt Beuys in den offiziellen Kreisen der Anthroposophen noch immer als eher suspekt. Seine Mitwirkung in einem der drei Hauptseminare ("Rechtsleben") wurde schließlich akzeptiert. Doch dann meldete sich Beuys kurz vor der Veranstaltung bei Wilfried Heidt aus dem Ausland am Telefon; mit gebrochener Stimme teilte er mit, dass er krankheitshalber leider nicht nach Witten kommen könne. Es war der letzte Kontakt zwischen den Freunden. Ob Joseph Beuys mit seinem nahen Tod rechnete? Wilfried Heidt meint: mit Sicherheit nicht.

XII. Obwohl manche Einzelheiten des während der Forschungswoche beleuchteten Zusammenhanges der Quellenlage nach noch nicht vollständig dokumentiert sind, lässt sich die erkundete Problematik zusammenfassend wie folgt charakterisieren:
Schon zu Lebzeiten konnten diejenigen, die mit dem volkspädagogischen Wirken von Joseph Beuys in Berührung kamen, dadurch allein nicht wirklich in Erfahrung bringen, dass die dabei von ihm vermittelten wesentlichen Ideenzusammenhänge nicht seinem eigenen Forschen entstammten, sondern zunächst der Anthroposophie Steiners entnommen waren. Diesem Fundament wurde ab Ende der sechziger Jahre dasjenige hinzugefügt, was Beuys aus der einschlägigen Arbeit anderer Anthroposophen kennenlernte. Bis ca. 1972 ließ er sich insbesondere durch die Interpretationen der "Kernpunkte" anregen, die Peter Schilinski laufend in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift publizierte; dabei spielte immer wieder auch der Hinweis auf die grundlegende Bedeutung der direkten Demokratie für die Konstitution des Rechtslebens eine zentrale Rolle. Hinzu kamen in dieser Zeit auch schon die Einflüsse aus den ersten Texten von Wilfried Heidt (1969/72) zur Idee des "dritten Weges" ("Freiheit, Demokratie, Sozialismus") und zur Perspektive einer "Internationalen Freien Universität" (mit interdisziplinärer Forschung).
Von größter Wichtigkeit wurde für Beuys schließlich seine Begegnung mit der von Wilhelm Schmundt entwickelten und in den Achberger Veranstaltungen, an denen auch Beuys mitwirkte, vorgetragene "Elementarlehre des sozialen Organismus". Obwohl Beuys für diese Inhalte zum Teil ein eigenes originäres Vokabular ins Spiel brachte, war der Inhalt seines volkspädagogischen Wirkens ab 1973 entscheidend durch diesen Einfluss geprägt, der auch für den "Aufruf zur Alternative" (1978) und für seine Beteiligung bei den Grünen maßgebend war.
Die Vertiefung des Verständnisses der direkten Demokratie durch die Konzeption der "dreistufigen Volksgesetzgebung" ergab sich für Beuys ab 1983 durch die der "Aktion Volksentscheid" zugrunde liegenden, aus der Zusammenarbeit zwischen Wilfried Heidt und Bertold Hasen-Müller (2002 †) erreichten Erkenntnisse. Aus der Arbeit von Beuys wurde für die Demokratiebewegung seine Skulptur "Hase mit Sonne" (1982) insofern bedeutsam, als sie in graphischer Form ab 1984 als deren Logo und aber 1989 als "Hoheitszeichen" des Passes der "Direkt-Demokratischen Republik" fungierte.
Dass die Aufnahme von Arbeiten aus der Werkstatt von Joseph Beuys ihrer Herkunft nach für jedermann nie unbekannt war, ergab sich aus der allgemeinen Bekanntheit insbesondere derjenigen seiner Kreationen, über welche die Öffentlichkeit durch seine Beiträge zu den Documenta-Anlässen durch die Medien informiert war. Dass umgekehrt seine wichtigsten Quellen für seine vielfältigen volkspädagogischen Aktivitäten den meisten bis heute verborgen geblieben sind, ist die Folge seiner allzu großen Zurückhaltung, sie aufzudecken, die Folge der Uninformiertheit der meisten, die sein Werk zum Gegenstand eigener Betrachtungen gemacht haben und die Folge eines bewussten Verschweigens einiger seiner durchaus hinreichend informierten Anhänger.
Mit diesen Ergebnissen kann künftig ein realistischeres Bild nicht nur über eine der herausragendsten Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gewonnen, sondern auch ein Beispiel dafür studiert werden, wie die anthroposophische Bewegung im Wirken für ihre sozialen Aufgaben den Herausforderungen des Zeitgeschehens gemeinschaftlich geistesgegenwärtig entgegentreten könnte, wenn ihre Repräsentanten so zusammenarbeiten und sich so ergänzen würden, wie es zwischen Beuys und seinen genannten Freunden der Fall war.
Und nicht zuletzt werden die Ergebnisse denen hilfreich sein, die durch die Einbeziehung seiner Quellen ein besseres Verständnis über das ihm Wichtigste, die wesensgemäße Erkenntnis des sozialen Organismus und der damit verbundenen aktuellen politischen Aufgaben gewinnen wollen. Dazu freilich muss man auch jene Erkenntnisse aufgreifen, die erst nach Beuys erreicht wurden. Näheres dazu finden die Interessierten auf den weiteren Seiten des WIEGE-Instituts oder auf www.willensbekundung.net, sowie beim Internationalen Kulturzentrum Achberg D-88147 Achberg,
Tel. 08380-98228, kulturzentrum-achberg@gmx.de



Anhang

Wie gut sich Forschungs- und praktische Projektarbeit ergänzen können, wissen alle diejenigen, die insbesondere in den letzten Jahren den Einladungen zu Tagungen ins Internationale Kulturzentrum Achberg folgten. So war es auch dieses Mal.

Schon bei der Tagung zur Jahreswende 2003/04 stand das Hilfsprojekt "Domes for Living, Learning & Health" auf der Tagesordnung. Es ist eines der Ergebnisse einer im Institut für Zeitgeschichte und Dreigliederungsentwicklung seit einigen Jahren schon verfolgten umfassenderen sozialwissenschaftlich-baukünstlerischen Fragestellung, über die bei anderer Gelegenheit ausführlicher berichtet werden sollte. Bei "Domes for Living…" geht es um die Antwort auf das weltweite Problem der millionenfachen Obdachlosigkeit und mangelnden Behausung für die Erziehung und den Unterricht der Kinder und der medizinischen Betreuung der kranken Menschen insbesondere in den ärmsten Gegenden der Welt.

In Übereinstimmung mit einem Hinweis Rudolf Steiners, der im Zusammenhang mit dem Kuppelelement des ersten Goetheanumbaues einmal äußerte (Siehe Stuttgarter Vortrag von 7. 3. 1914: »Die entwicklung der Baukunst im Zusammenhang mit den Jahrtausendwenden«), es würden im 21. Jahrhundert überall
auf der Welt Kuppelarchitekturen auftauchen, wurde in der Achberger Werkstatt ein Produkt entwickelt (und in Prototypen bereits erprobt), mit dem es praktisch möglich sein wird, die angedeuteten Probleme Schritt für Schritt weltweit zu lösen, wenn aus den reichen Gesellschaften die erforderliche Hilfe bei der Realiserung geleistet werden wird.

Bisher war es ja bei all den großen Mangelerscheinungen auf der Erde ein schmerzlicher Widerspruch, dass Hilfsprojekte immer nur verhältnismäßig wenigen Betroffenen zugute kamen. Das wird bei manchen der großen Nöte auch in Zukunft solange so bleiben, als die antisoziale kapitalistische Privatwirtschaft das Feld beherrscht. Doch auf dem Gebiet der Obdachlosigkeit können wir - nachdem jetzt das taugliche Produkt zur Verfügung steht - im Elementaren menschenwürdige Behausungen für alle schaffen. Wenn wir nur wollen. Und in gewisser Hinsicht ist ja die Behausung, die vor Kälte und Hitze, Wind und Wetter, Regen und Schnee schützt die Voraussetzung für alles andere.

Mit dem Produkt, das wir entwickelt haben und bei dem ausschließlich nachwachsende Rohstoffe verwendet werden, können die Menschen, wenn wir ihnen sozusagen das Skelett zur Verfügung stellen, meist mit weiteren Materialien, die sich vor Ort finden, und mit ihrer eigenen Leistung in kürzester Zeit - nämlich binnen weniger Tage - sich das Nötigste für eine menschenwürdige Behausung schaffen. Ob sie in ihre Not unverschuldet durch Naturkatastrophen oder durch Kriege und Bürgerkriege geraten sind und oft jahre-, sogar jahrzehntelang schutzlos darben mussten, das kann jetzt schnell durch gemeinsames Tun überwunden werden, wenn wir aus den reichen Ländern Europas, Amerikas und Australienes und auch mit Unterstützung der wohlhabenden Klassen aus Lateinamerika, Asien und der arabischen Welt unseren Teil dazu beitragen.

Mit 1000,00 € können wir auf Dauer jedem obdachlosen Menschen ein sicheres, auch erdbebensicheres Zuhause verschaffen, jedem Kind seine Schule und jedem kranken Menschen, der stationärer Behandlung bedarf, das entsprechende Gebäude. Und Entsprechendes gilt für die Errichtung kultureller oder politischer Gemeinschafts- räume, auch für Produktionsstätten oder landwirtschaftliche und gärtnerische Objekte und anderes mehr.

Wir haben während der Forschungstagung in den Stunden der Pausen auf dem Gelände des Internationalen Kulturzentrums Prototypen der Bauweise erstellt, mit welcher wir das angedeutete Projekt realisieren wollen. Mit zwei Startprojekten wollen wir beginnen: Je 100 Objekte für bis zu sechsköpfige Familien, die einerseits in der iranischen Stadt Bam durch das verheerende Erdbeben und andererseits im kriegszerstörten afghanischen Kabul - wie Abertausende ihrer Leidensgenossen - unter katstrophalen Umständen hausen. Es soll dies die Initialzündung für eine Welle der Hilfe werden, die immer mehr Menschen wieder eine menschenwürdige Lebensperspektive eröffnet.

Da dieses Projekt - wenn es sich im angedachten Umfang entwickeln wird - auch eine erhebliche wirtschaftliche Dimension annehmen, d. h. die Fähigkeiten von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Einsatz bringen wird, kann es ab einem bestimmten Volumen selbst zur Quelle der Finanzierung für weitere, für die Gesundung des sozialen Organismus notwenige Aktivitäten und insofern zu einem weltweit wirksamen Beispiel für dasjenige werden, was die Idee der Dreigliedeerung des sozialen Organismus zu leisten vermag, wenn sich in ihre moralische Intuition, moralische Phantasie und moralische Technik wesensgemäß und professionell verbinden.

Für nähere Informationen und für erbetene Spenden
wende man sich an:
Internationales Kulturzentrum Achberg D-88147 Achberg
Konto-Nr. 2928708 PostBank Stuttgart BLZ 60010070
IBAN: DE03 6001 0070 0002 9287 08 - BIC: PBNKDEFF
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Der Anhang als PDF

Der Anhang zum Tagungsbericht:

Bilder von der Tagung:
"Joseph Beuys und seine Quellen"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wilfried Heidt
berichtet aus der
Achberger Arbeit und über
ihre Bedeutung für Beuys:

 

 

 

 

Das Gelände und die Umgebung des
Humboldt-Hauses:

 

 

 

 

 

 

 

 

Während der Forschungs-tagung zu Beuys haben wir uns in den Pausen an einer anderen »Baustelle« im Zusammenhang mit dem Projekt »Domes for Living, Learning & Health« praktisch betätigt (siehe Anhang zum Anhang) ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... im Modell: das
Medianum-Ensemble ...

 

 

... und wir übten uns in der Kunst des Verhüllens:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joseph Beuys und seine Quellen
Bericht über eine Forschungstagung im
Internationalen Kulturzentrum Achberg

von Gerhard SCHUSTER