
Im Rahmen des Jahresprogramms mit sechs Tagungen zum ersten "Jubeljahr" der Achberger Arbeitsstätten im 33. Jahr nach ihrer Gründung war vom 16. bis 22. Mai zu einer Forschungstagung eingeladen, bei der die Frage nach den Quellen von Joseph Beuys bei seinem volkspädagogischen Wirken für die Dreigliederung des sozialen Organismus der zu erkundende Gegenstand war.
I. Das Motiv
zu dieser Arbeit ergab sich zum einem aus der nach dem Tod des Künstlers
(1986) festzustellenden Tendenz, dass es in der fast unüberschaubar gewordenen
Fülle der Literatur zu Beuys einerseits nur vergleichsweise dürftige
und von wenig Sachkunde getragene Stellungnahmen zu dieser Seite seines Wirkens
gibt; andererseits aus dem Kreis von Schülern, Anhängern und Freunden
des 1921 geborenen Rheinländers neben verdienstvollen Kommentierungen
auch zahlreiche Legendenbildungen, unzutreffende oder die Wahrheit eher verschleiernde
Beschreibungen gerade zu diesem Teil seiner Biographie in Umlauf gebracht
wurden und werden.
· Zum andern hatte die 1971 ihre Tätigkeit aufnehmende Achberger
Arbeitsstätte wie kein anderer Ort und Personenkreis einen prägenden
Einfluss auf den Weg, den Beuys im Hinblick auf den ihm schon 1941 bekannt
gewordenen Impuls der sozialen Dreigliederung insbesondere ab Ende der sechziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts gegangen ist.
Der Hauptgrund, dass es, auf diese Zusammenhänge bezogen, bisher so viele
Unklarheiten gibt, liegt wohl in erster Linie darin - das war ein erstes Ergebnis,
das man im Kreis der zusammengekommenen Forschungsgruppe, durch zahlreiche
Dokumente belegt, festzustellen hatte -, dass Beuys in seinen Hunderten von
Interviews, Vorträgen und vergleichsweise wenigen schriftlichen Äußerungen
nur sehr selten und auch dann recht spärlich explizit Einblick gab, welche
Personen oder Werke für ihn die wichtigsten Quellen für seine Tätigkeiten
auf diesem Gebiet waren.
II. Bevor
hier zusammengefasst werden soll, was während der ganzen Tagungswoche
sehr genau belegt und in zahlreichen bisher unbekannten Details nachgewiesen
werden konnte, ist eine weitere Prämisse von Bedeutung, ohne die man
das "Phänomen Beuys" unter dem hier zu beleuchtenden Aspekt
nicht realistisch beurteilen kann.
Dass auf Beuys sehr viel Medienaufmerksamkeit und öffentliches Interesse
auch hinsichtlich seines volkspädagogischen Wirkens gerichtet war, ergab
sich primär nicht aus letzterem. Auch darf man sich fragen, ob es die
ihn zu Lebzeiten meist umringende Schar von Anhängern und die posthum
von einigen wenigen unermüdlich gepflegte, weitgehend unkritische "Beuysrezeption"
in dem Umfang gegeben hätte bzw. geben würde, wenn Beuys nicht als
Künstler im engeren Sinn seit Anfang der siebziger Jahre mit seinen Objekten
im globalen Kunstmarkt auf den Spitzenplatz vorgerückt wäre, weil
einige Sammler seine Erzeugnisse z. T. en bloc kauften, darf man durchaus
bezweifeln. Kein Zweifel hingegen besteht daran, dass Beuys seine inhaltliche
"Botschaft" vor allem für Leute der jüngeren Generationen
höchst anregend, mit individueller Prägung und aus einer gewissen
selten gewordenen Übersicht über weite Lebensgebiete darzulegen
verstand; doch ohne dass er aus der Rolle des "Medienstars" agieren
konnte, hätte allein diese Tatsache wahrscheinlich sehr viel weniger
Resonanz und Bewunderung hervorgebracht. Auch heute profitieren so manche
bei der Vermarktung seiner "Botschaft" eindeutig von dieser Komponente.
Dies beachtend, galt die Achberger Forschungswoche zum Thema "Beuys und
seine Quellen" dem Wirken des Künstlers für - traditionell
gesagt - den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus.
III. Denn
welches z. T. originelle Vokabular er auch einsetzte und wie wenig er dazu
explizit aufklärte: Er hatte sich dieses spätestens seit 1967 zu
seiner Hauptaufgabe gemacht. Die sozusagen "logische Brücke"
dazu bildete sein "erweiterter Kunstbegriff", d. h. er übernahm
von Rudolf Steiner die Dreigliederungsidee und bezog sie im Sinne der Vorstellung
Schillers vom "größten aller Kunstwerke", dem "Bau
der wahren politischen Freiheit", auf die soziale Lage der Menschheit
- und insbesondere Mitteleuropas bzw. des geteilten Deutschlands - im letzten
Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Es wurde schon erwähnt, dass er
in seinem zwanzigsten Lebensjahr (als Kriegsteilnehmer) durch einen Freund
auf Steiner und die Anthroposophie aufmerksam gemacht wurde und in diesem
Zusammenhang auch die Dreigliederungsidee kennen gelernt hatte.
Erst ein gutes Vierteljahrhundert später startet er diesbezüglich
eine erste Initiative, ohne die geistige Quelle zu erwähnen: Als Professor
für Bildhauerei gründet er nach dem Tod des Berliner Studenten Benno
Ohnesorg, der am 2. Juni von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras am Rande einer
Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien in Berlin erschossen
worden war, mit einigen seiner Schüler an der Kunstakademie Düsseldorf
die "Deutsche Studentenpartei". Diese Initiative blieb aber während
der folgenden zwei Jahre, in denen sich die marxistisch orientierte Studentenbewegung
und die sozialistisch geprägte Außerparlamentarische Opposition
über die ganze Bundesrepublik ausbreitete, unbekannt. Wer jedoch ihr
Gründungsprotokoll liest und die Dreigliederungsidee kennt, sieht sofort,
dass sie, also Steiner, insofern die Inspirationsquelle war.
IV. Für
das, was sich zunächst bis 1970/72 bei Beuys anschloss, muss man nun
wissen, dass er - freilich noch ohne direkte Kommunikation - in Kontakt stand
mit einer anderen Aktivität, deren Quelle ebenfalls die Anthroposophie
und im besonderen- in diesem Fall aber explizit - die Dreigliederungsidee
war. Es war dies die Arbeit von Peter Schilinski. Er, Jahrgang 1916, war wegen
einer Hüftverletzung vom Militärdienst befreit und arbeitete während
der Kriegszeit als Sonderschulpädagoge in Vorpommern und flüchtete
gegen Kriegsende mit seiner jungen Familie nach Schleswig-Holstein. Hier traf
er auf marxistisch gesinnte Altersgenossen, mit denen er einen Studienkreis
bildete, in welchem sie die Frage besprachen, wie es zur Naziherrschaft, zum
Krieg, zur Katastrophe in Deutschland kommen konnte. Und im Zuge der Suche
nach Antworten brachte eine Teilnehmerin eines Tages die ihr per "Zufall"
in die Hände gefallene Schrift "Die Kernpunkte der sozialen Frage"
von Rudolf Steiner mit. Am Für und Wider zu dieser Schrift brach der
Kreis schließlich auseinander - aber bei Schilinski hatte sie die nachhaltigste
Wirkung nicht verfehlt. Es gingen ihm daran nicht nur die Erkenntnisse auf
seine dem Zeitgeschehen geltenden Fragen auf, sondern er erlebte diese Ideen
Steiners zutiefst existenziell und machte es sich fortan zur Lebensaufgabe,
den ihm möglichen Beitrag für ihre Verwirklichung zu leisten. Natürlich
interessierte den gerade Dreißigjährigen, wo denn in Deutschland
die Anthroposophen wären, denen die damit verbundenen Aufgaben wie ihm
selbst am Herzen lägen. Er reiste mit dem Rucksack auf dem Rücken
von Nord nach Süd durch das zerstörte Land- doch er fand weniger
als ein halbes Dutzend, die für seine Anliegen ein offenes Ohr hatten.
Wieder nach Schleswig-Holstein zurückgekehrt, traf er auf Sylt Ursula
Weber, eine verwitwete junge Schauspielerin, die der Kriegsgefangenschaft
entronnen war und sich für PS und seine "Mission" interessierte.
Man suchte nach einer Möglichkeit wirtschaftlicher Unabhängigkeit
und gründete Anfang der fünfziger Jahre auf der Insel in einer alten
Scheune eine Teestube und integrierte ihr ein höchst lebendiges Kulturzentrum,
ein Forum, auf welchem insbesondere Schilinski, der frühere Sonderschulpädagoge,
nun den Schritt zum historisch ersten Volkspädagogen für Anthroposophie
und Dreigliederung machte.
V. Es ist hier nicht der Ort, die breite Vielfalt und große Intensität
dieser Arbeit genauer zu beschreiben. Der spätere Zusammenhang zu Beuys,
worüber zu berichten ist, ergab sich durch die seit Ende der fünfziger
Jahre von Schilinski herausgegebene Monatszeitschrift "Das mitteleuropäische
Deutschland", später "Zeitkommentare für Jedermann".
In dieser Zeitschrift kommentierte ihr Herausgeber einerseits die Ereignisse
des Zeitgeschehens und andererseits interpretierte er in immer neuen Anläufen
Steiners "Kernpunkte". Dabei stieß er z. T. auf ein Verständnis
der Dinge, wie man es vom Wortlaut der Schrift her gesehen überraschend
finden kann. Und Beuys war - mit Sicherheit schon 1967 - Abonnent dieses Blattes,
das ab dieser Zeit auch so etwas wie das Gesellschaftsorgan einer neu sich
bildenden Dreigliederungsbewegung, die innerhalb der Studentenbewegung und
der Außerparlamentarischen Opposition zu wirken begonnen hatte, wurde.
Diese Aktivitäten ergaben sich aus der Begegnung Peter Schilinskis mit
Wilfried Heidt (und einigen anderen Freunden) im Herbst 1966. Heidt, Jahrgang
1941, studierte damals in Basel Philosophie, Geschichte, Soziologie, Germanistik,
Kunstgeschichte und Musikwissenschaft. Er war im Umfeld der Universität
1962 auf Steiner (als Erkenntnistheoretiker) gestoßen, war politisch
engagiert und stand in Deutschland in Verbindung mit Strömungen, die
über die Idee eines "dritten Weges" jenseits von Kapitalismus
und Kommunismus nach einer Überwindung der deutschen Spaltung suchten.
Auf diesem Hintergrund ergab sich dann auch folgerichtig ein aktualitätsbezogenes
Verständnis für Steiners soziale Ideen. So stand gleich bei der
ersten Begegnung mit Peter Schilinski die Frage im Raum, was man tun könne,
um im Zusammenhang des sich abzeichnenden Aufbruchs neuer politischer Bewegungen
mit dem Dreigliederungsimpuls im Zeitgeschehen Fuß zu fassen. Auch über
die entsprechenden Aktivitäten und Initiativen, zu denen man kam, wurde
in der Zeitschrift berichtet, und so landeten diese Informationen - bis hin
zu den Überlegungen über die Gründung eines Arbeitszentrums,
welches die bisherigen, weit auseinander liegenden Standorte, an denen Schilinski
und Heidt tätig waren, zusammenführen sollte - auch auf dem Tisch
von Beuys in Düsseldorf.
Wie gesagt: Ein Kontakt dahin bestand in dieser Zeit noch nicht. Und Beuys
nahm trotz der Informationen, die ihm über die Arbeit von Schilinski
und Heidt vorlagen, den Kontakt zu ihnen seinerseits nicht auf.
VI. In
der Tagungswoche konnten wir anhand der Dokumente aus den Jahren 1968 bis
1971/72 aber nachvollziehen, wie Beuys sowohl Ideen wie Projekte und Planungen,
über die in den "Zeitkommentaren" berichtet wurde, aufgriff
und in seine eigenen Aktivitäten integrierte - allerdings wieder ohne
Hinweis auf die Quellen. An hauptsächlich drei Beispielen ist das festzustellen:
1. Es war Peter Schilinski zu verdanken, dass er - wie lange sonst niemand
- das Demokratieverständnis der Dreigliederung mit dem Gedanken der Volksabstimmung
über die Grundrechte in Verbindung brachte. Schon 1952 hatte er in Schleswig-Holstein
eine VolksabstimmungsInitiative gegen die Wiederbewaffnung in der BRD ergriffen.
2. Dieser grundlegende politische Gesichtspunkt spielte auch - ausgehend von
dem unter der Leitung von WH seit Juli 1968 in Lörrach angesiedelten
"Republikanischen Club" - eine zentrale Rolle in dem Projekt, das
1968/69 als "Demokratische Union" von PS und WH gestartet wurde.
Es war dies der Versuch, die drohende ideologische Zersplitterung der Außerparlamentarischen
Opposition zu verhindern. Auch in einigen Massenmedien - z. B. in Der Spiegel,
Frankfurter Rundschau, Die Zeit und Süddeutsche Zeitung - gab es darüber
ausführliche Berichte. Unter Bezugnahme auf die Ideale des "Prager
Frühlings", den WH und PS mit Freunden vor der Okkupation am 21.
August in Prag einige Wochen lang studiert und zahlreiche Kontakte zu führenden
Persönlichkeiten dieser "geistigen Revolution" geknüpft
hatten, wurde die Dreigliederung als Ideengrundlage dieses Projekts zum ersten
Mal in einer Art Manifest als die gesellschaftliche Alternative des Zusammenwirkens
von Freiheit, Demokratie und Sozialismus beschrieben.
3. Ähnlich dem Schicksal von Steiners Experiment 1919, das von fast allen
politischen Gruppierungen bekämpft wurde, gelang es auch dieses Mal zunächst
nicht, einen pluralistischen politischen Ansatz für eine konkrete Dreigliederungsentwicklung
zu etablieren. Es gab noch viel zu wenige, denen die Erkenntnisse für
diese Perspektive geläufig genug gewesen wären, um an den realistischen
Aufbau einer entsprechenden Organisation denken zu können. Das ließ
den Gedanken, die Kräfte in einer zentralen Institution zu bündeln,
um die notwendige Forschungs- und Schulungsarbeit konzentriert leisten zu
können, in den Vordergrund treten. In dieser Situation kam aus der Gemeinde
Achberg - auf halbem Weg zwischen Wangen im Allgäu und Lindau am Bodensee
gelegen - von dem in den zwanziger Jahren dem Bauhaus verbundenen Künstlerehepaar
Mila und Hans Hoffmannlederer die Einladung, dieses Vorhaben an diesem Ort
zu realisieren. Sie boten dafür ein Grundstück an. Dieses Angebot
war der äußere Anlass, die Konzeption für ein Internationales
Kulturzentrum zu entwickeln. Es geschah dies insbesondere während der
Sommermonate 1970 in einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Wilfried Heidt
und Peter Schilinski. Die Darstellung des Projektes mit seinen verschiedenen
Institutionen - einer Waldorfschule, der Keimzelle einer Freien Universität
mit wissenschaftlichen und künstlerischen Einrichtungen, vernetzt mit
verschiedenen Werkstätten und assoziierten kommerziellen Unternehmen
- wurde wieder in den "Zeitkommentaren" publiziert.
Erst in dieser Zeit tauchten auf Sylt und in Lörrach die ersten indirekten
Signale aus der Arbeit von Beuys auf. Er hatte, offensichtlich angeregt durch
die Artikel in Schilinskis Zeitschrift, seine "Deutsche Studentenpartei",
die, wie gesagt, nirgends namhaft in Erscheinung getreten war, übergeführt
in eine "Organisation der Nichtwähler - Freie Volksabstimmung"
und schloss dieser kurz darauf ein in Düsseldorfs Andreasstrasse eröffnetes
"Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung" an.
Und es wurden aus dem Büro von dessen Mitarbeiter Karl Fastabend Texte
verbreitet, welche die triadische Formel "Freiheit, Demokratie, Sozialismus"
für die Kennzeichnung des gesellschaftlichen Zieles dieser Initiative
übernahmen. Auch hier ohne Hinweis auf die Quellen ...
Zur Jahreswende 1970/71 wurde dann das Internationale Kulturzentrum in Achberg
gegründet. Weil in der Gemeinde Achberg damals ein für den Ausgangspunkt
der Arbeit geeignetes Objekt, ein 1963 gebautes Tagungshotel, zum Verkauf
angeboten war, bemühte man sich, die dafür erforderlichen Mittel
aus dem Freundes- und Abonnentenkreis der Zeitschrift zu mobilisieren. Dazu
startete man eine schließlich erfolgreiche "Bausteinreise".
Sie führte auch zur ersten persönlichen Begegnung mit Beuys nach
Düsseldorf; von da an datiert die Zusammenarbeit mit ihm.
Während die Freunde um Schilinski und Heidt nach dem Erwerb des angebotenen
Objektes, das den Namen "Humboldt-Haus"
erhielt, mit dem Aufbau des Projektes in Achberg begannen, bereitete Beuys
seinen Beitrag zur V. Documenta (1972) in Kassel vor, der darin bestehen sollte,
dass er das Düsseldorfer "Büro für direkte Demokratie"
"ausstellten" und gleichzeitig 100 Tage mit den Besuchern über
die Fragen der Dreigliederungsidee, des Parteiensystems und der direkten Demokratie
diskutierten wollte. Vieles wurde darüber aufgeschrieben, aber wieder
finden sich nur wenige Hinweise, aus welchen Quellen Beuys für diesen
Teil seines Wirkens schöpfte.
Auch als er im Herbst 1972 mit der Initiative zur Gründung einer "Schule
für Kreativität und interdisziplinäre Forschung" - später
weitergeführt als "Free International University (FIU)" - hervortrat,
konnten nur jene, die das im Januar 1972 vom Achberger Kulturzentrum unter
dem Titel "Freiheit, Demokratie und Sozialismus als Friedensideen im
sozialen Leben und im Lebenszusammenhang der Völker" verbreitete,
von Wilfried Heidt verfasste Buch über die sozialwissenschaftlichen Grundlagen
in Auseinandersetzung mit den Ideologien des Marxismus bzw. Liberalismus und
über die institutionelle Gesamtplanung des Zentrums kannten, sehen, wie
sehr auch diese Initiative offensichtlich von der Achberger Arbeit angeregt
war. Aber auch diesbezüglich gab Beuys den Zusammenhang zu seinen Freunden
nicht zu erkennen.
Auch wer die bis in diese Zeit reichende Literatur zu Beuys - sei es die seiner
Schüler und Anhänger, sei es die der Journalistik oder Wissenschaft
- heranzieht, wird nur sehr wenig Aufschluss über die zunächst bis
hierher ins Licht gerückte Bedeutung der Arbeit von Peter Schilinski
und Wilfried Heidt für sein volkspädagogische Wirken erhalten. Wobei
sich besonders die Frage stellt, warum auch erstgenannte Autoren, für
die es ein Leichtes gewesen wäre, sich die entsprechenden Informationen
zu beschaffen, die Dinge nicht objektiv und wahrheitsgemäß mitteilen.
Diese Frage spitzte sich im zweiten Teil der Achberger Forschungswoche weiter zu. Sie galt der Erkundung des Themas der Tagung für die Zeit zwischen 1973 und 1986, dem Todesjahr von Beuys.
VII. Jetzt, das konnte mit zahlreichen Dokumenten belegt werden, trat immer deutlicher die Schlüsselrolle hervor, die Wilfried Heidt in dem ganzen Zusammenhang zukam. Zunächst war er in Achberg der entscheidende Ideen- und Impulsgeber für die Arbeit, insofern diese nicht einfach eine Weiterführung desjenigen war, was die verantwortlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schon vor ihrer Achberger Zeit getan hatten. Alle größeren Initiativen, ihre Konzeptionen, ihre Organisation und Durchführung - um, entsprechend der Projektbeschreibung vom Januar 1972, nur die wichtigsten zu nennen: Der "Ständige Jahreskongress Dritter Weg" (ab 1973), das "Institut für Sozialforschung und Entwicklungslehre" (ab 1973), die Sommeruniversitäten (ab 1974), der Unternehmensverband "Aufbauinitiative Dritter Weg" (ab 1977), die Rolle in der Zeit der Vorbereitung für die Partei "Die Grünen" (ab 1978) und schließlich ab 1982 das Projekt "Aktion Volksentscheid" mit dem Ziel, die Idee der "dreistufigen Volksgesetzgebung" in der BRD verfassungsrechtlich zu verankern - hatten Wilfried Heidts Arbeit zum Ausgangspunkt. Da sich diese Entwicklungen auf einen großen Kreis von Mitwirkenden aus zahlreichen europäischen Ländern und mehreren Kontinenten erstreckte, bedeutete das, dass auch alle die vielen Begegnungen zwischen Menschen in ihrem Leben und Wirken ohne diese Initiativen wohl nie zusammengekommen wären.
VIII. Das
betrifft nun auch in ganz besonderer Weise die Auswirkungen, welche dieses
Sich- Begegnen auf dem Schauplatz der Arbeit in Achberg im Lebens- und Werklauf
von Joseph Beuys hatte. Unter allem ragt dabei heraus, was für ihn die
Begegnung mit Wilhelm Schmundt bedeuten sollte. Denn diese Begegnung mit dem
Physiker, Elektroingenieur, pensionierten Hannoveraner Waldorflehrer und Sozialwissenschaftler
vom Jahrgang 1898 war es, die sein volkspädagogisches Wirken ab Sommer
1973 bis zu seinem Lebensende entscheidend beeinflusste. Ja, jeder Kundige
wird zugeben müssen, dass die geistige Gestalt des Joseph Beuys ab diesem
Moment eine zusätzliche Dimension bekommen hat. Das fand u. a. auch seinen
Ausdruck in der Intensivierung seiner Zusammenarbeit mit Wilfried Heidt.
Da dieser als bester Kenner dieser Konstellationen in der Tagung selbst alle
Aspekte dessen darstellen und erläutern konnte, wurde - besonders für
uns jüngere, fünfundzwanzig- bis fünfunddreißigjährige
Teilnehmer der Forschungstagung - ein spannendes Stück Zeitgeschichte
der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts unmittelbar gegenwärtig.
Während Beuys, wie erwähnt, als Künstler ein weltweit berühmter
Zeitgenosse war, war - außer in engen Kreisen der Anthroposophischen
Gesellschaft und der Dornacher Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
- Wilhelm Schmundt (1992 ) ein gerade auf seinem sozialwissenschaftlichen
Forschungsgebiet bis Anfang der siebziger Jahre ein Unbekannter geblieben.
1968 erschien im Goetheanumverlag sein erstes, schmales Buch unter dem Titel
"Die Freiheitsgestalt des sozialen Organismus" - die Grundzüge
einer "Elementarlehre", wie er selber es nannte. Doch diese Schrift
und ihr Verfasser blieben unter Anthroposophen weitgehend unbeachtet oder
missverstanden.
Das begann sich erst zu ändern, als Wilfried Heidt - auch er, zwei Generationen
jünger als Wilhelm Schmundt, hatte dessen Schrift 1969 zunächst
vorurteilsbeladen zur Seite gelegt und nicht unbefangen studiert - nach einer
Begegnung mit dem Autor im Frühjahr 1973 im anthroposophischen Studienhaus
Rüspe diesen nach Achberg einlud, um in einem internen Seminar von Schmundt
über mehrere Tage zu hören, welches die Erkenntniswege waren, die
ihn zu seiner "Elementarlehre" führten, von der er sagte, erst
durch sie sei - goetheanistisch - aus der urbildhaften Anschauung des Wesens
der Sache ideenwissenschaftlich begründet, was Rudolf Steiner in seinen
Vorträgen und Schriften zur Dreigliederung mehr der "Illustration"
halber dargestellt habe (s. Steiners Schlussvortrag beim Wiener Ost-West-Kongress
am 11. Juni 1922). Es ging also um ein vertieftes Verständnis dieser
Idee.
Auch in Achberg selbst schieden sich an diesem Ereignis die Geister. Die einen
meinten, es sei dies für die gestellten Aufgaben ganz überflüssig,
ja irreführend, für die andern aber wurde es zur geistigen Erfahrung,
dass das eigene Wirken Schmundts Forschungsergebnisse künftig unbedingt
zu berücksichtigen habe. Dies, und nicht etwa persönliche, subjektive
Differenzen, war auch der wirklich Grund dafür, dass das bis dahin sehr
konstruktive Zusammenwirken zwischen Peter Schilinski und Wilfried Heidt im
Kern einen Bruch erlebte, der leider nicht mehr geheilt werden konnte (PS
starb 1992). Wie einem der Jüngsten im Kreis der Achberger Mitarbeiterschaft,
Ulrich Rösch, heute Mitarbeiter der Sektion für Sozialwissenschaften
am Goetheanum, war auch Heidt sofort die epochale Bedeutung der Arbeit Schmundts
für die Weiterführung der Dreigliederungsforschung klar geworden
und er verständigte sich mit Schmundt über dessen Mitwirkung an
der Achberger Arbeit. Und so kam es im August 1973 anlässlich des ersten
Jahreskongresses "Dritter Weg" auch zur ersten Begegnung Schmundts
mit Beuys. Das Thema "Ideen und Impulse des Prager Frühlings"
führte fünf Jahre nach der sowjetischen Niederschlagung der tschechoslowakischen
Reformbewegung für einen "Sozialismus mit dem Antlitz des Menschen"
(Dubcek) über 500 Teilnehmer nach Achberg, um an Vorträgen, Seminaren
und Diskussionen mit führenden Wissenschaftlern, Künstlern und anderen
Geistesschaffenden aus zahlreichen Ländern teilzunehmen. Wahrscheinlich
war dies überhaupt das erste öffentliche Zusammentreffen einer größeren
Zahl anthroposophischer und nichtanthroposophischer Gelehrter zum gemeinsamen
Nachdenken über eine postkapitalistische und postkommunistische gesellschaftliche
Zukunft. So begegneten nahezu alle prominenten Vertreter der wissenschaftlichen
Dreigliederungsarbeit jener Jahre führenden Ideengebern und Verantwortlichen
aus der Zeit des "Prager Frühlings" (um hier nur Ota Sik, den
Wirtschaftsminister, Jiri Kosta, seinen engsten Mitarbeiter und den Philosophen
Ivan Svitak zu nennen).
Eindrucksvoll wurde berichtet, wie sich unter den vier Generationen der Teilnehmer
über zehn Tage in allen Einrichtungen des Kulturzentrums, auf dessen
herrlichem Gelände und in verschiedenen, in die Arbeit einbezogenen Institutionen
der Gemeinde Achberg nicht nur ein reges Geistesleben entwickelte, sondern
auch zu erleben war, wie im Laufe der Tage die Erfahrung entstand, dass man
trotz der so verschiedenen Herkünfte und Lebensschicksale eine große
Versammlung von Geistesverwandten war.
Entlang dem roten Faden der Forschungstagung war nun die Feststellung wichtig, dass sich auch in diesem erweiterten Rahmen und während der folgenden Jahre an Wilhelm Schmundts engagierten, jedoch recht zurückhaltend vorgetragenen Beiträgen die Geister schieden: es gab jene, die sie als wesentliche Bereicherung für ihr eigenes Erkennen und Handeln sahen - wie z. B. Leif Holbaek-Hansen (Bergen) und Markus Kühn - und jene, die ihnen mit Ignoranz oder - wie im Falle H. G. Schweppenhäusers (Berlin) und Boris Tullanders (Uppsala) - mit vehementer Ablehnung gegenübertraten.
IX. Für
Beuys wurde die von Schmundt entwickelte "Elementarlehre des sozialen
Organismus" - insbesondere, nachdem weitere vom Achberger Verlag publizierte
Schriften Schmundts (wie die Aufsatzsammlung "Evolution und Revolution"
und der Entwurf für "Zeitgemäße Wirtschaftsgesetze")
erschienen waren - in Ergänzung seiner bisherigen geisteswissenschaftlichen
Erkenntnisgrundlagen und dem, was er aus der Arbeit von Peter Schilinski und
Wilfried Heidt aufgegriffen hatte, geradezu eine Art Vademekum, das von nun
an sein öffentliches Wirken bei zahlreichen Anlässen prägte.
Nicht nur die Begriffe, die er in den Mittelpunkt seiner sozialen Aufklärung
stellte - z. B. der "erweiterte Kunstbegriff", "soziale Plastik",
"Kunst = Kapital" usw. -, sondern auch seine Projekte, mit denen
er bei der V. Documenta 1977 ("Honigpumpe am Arbeitsplatz") und
bei der VI. 1982 ("7000 Eichen", "Hase mit Sonne und Zubehör"
und "Friedenshase") beteiligt war, waren mehr und mehr Zeichen und
Hinweise auf den Erkenntniszusammenhang der "Elementarlehre". Schmundt
war für Beuys - wie er ihn im Kreis seiner Freunde und Schüler nannte
- "unser großer Lehrer" geworden. Doch obwohl er diese neue
Quelle gelegentlich auch öffentlich benannte, blieb auch sie mehr im
Verborgenen - jedenfalls mehr als der Sache dienlich war.
Denn - und das galt schon für alles Vorherige - für die Öffentlichkeit
wie für das Umfeld seiner Anhänger musste durch diese Arbeitsweise,
die Quellen, aus denen geschöpft wurde, nicht deutlich genug zu erkennen
zu geben, der Eindruck entstehen, es handle sich bei den Ideen und Begriffen
seiner Botschaft um von ihm originär geschöpfte Einsichten. Und
weil Beuys ohne Zweifel ein charismatischer Kommunikator und Interpret für
den heutigen Menschen und die Menschheit wesentlicher objektiver, jedoch aus
dem offiziellen Kulturleben verdrängter Wahrheiten war, die aber durch
die Originalität seiner Sprache und Darstellungsweise oft auch im Schlagworthaften,
Schillernden und Fragmentarischen stecken blieben - was bei vielen oft nur
zu einem scheinbaren Verständnis und eher selten zu der Motivation führte,
sich ebenso solide und gründlich wie er selbst auch mit seinen Quellen
zu befassen - entstand insbesondere posthum das Phänomen einer Anhängerschaft
und Beuyspropaganda, die weder seiner Leistung noch seinem Verhältnis
zu dem Werk derer gerecht wird, auf deren Arbeitsergebnisse er sein Wirken
stützte.
Anhand mehrerer Dokumente konnte bei der Tagung gezeigt werden, dass dasjenige, was von seinen zahlreichen Vorträgen und Interviews festgehalten worden ist, der Kern dessen, worum es auch ihm ging, ohne die Kenntnis der Quellen oft nicht sachgemäß verstanden werden kann. Deshalb gab Wilfried Heidt allen, die sich von Beuys angesprochen fühlen und sich mit den Dokumenten seiner volkspädagogischen Aktivitäten befassen, den Rat, das Studium der Quellen nicht zu unterlassen.
X. In
den beiden letzten Tagen der Forschungswoche berichtete WH - unterstützt
und ergänzt durch Berichte von Herbert Schliffka, der in den siebziger
und achtziger Jahren als Achberger Mitarbeiter in Düsseldorf lebte und
dort auch an der internen Arbeit teilnahm, die Beuys mit Freunden und Schülern
leistete - dann noch von einigen Beispielen speziell seiner eigenen freundschaftlichen
und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Beuys, wodurch wichtige Beiträge
zu dessen Werk entstanden sind und Projekte aufgebaut werden konnten.
1. Die Achberger Veranstaltungen zwischen 1973 und 1977 - in diesem Jahr fand
der Achberger Sommerkongress Dritter Weg im Rahmen des Beuysschen Documenta-Projektes
"Honigpumpe am Arbeitsplatz" statt - waren auch ein Treffpunkt von
jungen Unternehmern aus verschiedenen Wirtschaftszweigen, die sich mit der
Frage beschäftigten, wie man die Erkenntnisarbeit der Tagungen und Kongresse,
insbesondere die Einsichten der "Elementarlehre" im Rahmen einer
zu gründenden Assoziation freier Unternehmen fruchtbar machen könnte.
Zur Documenta 1977 war man so weit gekommen, eine solche Assoziation als "Aufbauinitiative
Dritter Weg" zu beginnen. In einer umfangreichen, von Wilfried Heidt
verfassten Projektbeschreibung, die Beuys ins Englische und Italienische übersetzen
und in der FIU international zirkulieren ließ, wurde die Gründung
mitgeteilt. Beuys setzte diese Schrift in den folgenden Jahren bei vielen
sich bietenden Gelegenheiten ein, und er nahm mit Beiträgen an den Jahresversammlungen
der Assoziation teil.
2. Ein nächster Anlass für eine unmittelbare Zusammenarbeit entstand
gegen Ende 1978. Beuys bekam von der Kunstakademie Wien die Berufung auf einen
dortigen Lehrstuhl, dem er schließlich nicht folgte, da ihm die Teilnahme
an politischen Entwicklungen in der BRD, von denen noch zu berichten ist und
die seine Präsenz verlangten, wichtiger erschien. Doch die Berufung brachte
eine der großen deutschen Tageszeitungen, die "Frankfurter Rundschau"
(FR), auf den Gedanken, Beuys zum Abschied aus Deutschland in ihrem Blatt
eine ganze Seite zur Verfügung zu stellen für eine Mitteilung seiner
Wahl. Er rief seinen Freund und Mitarbeiter WH in Achberg an und wollte wissen,
was er vorschlüge, auf dieser Seite mitzuteilen. Nun, das war eine einmalige
Gelegenheit, authentisch für mehrere Hunderttausend Leser kostenlos mitzuteilen,
was man im gemeinsamen Engagement in diesem Moment als kundzutun am wichtigsten
hielt. Heidt erinnerte sich an Rudolf Steiners "Aufruf an das deutsche
Volk und die Kulturwelt" vom März 1919, mit dem er seine Dreigliederungsinitiative
in Württemberg begann und schlug ein Parallelprojekt vor: In Deutschland
bestand aufgrund der Teilung des Landes, der Verschärfung der Rüstungseskalation
und der wachsenden, aber geistig-politisch zersplitterten Ökologiebewegung
und anderer sozialer Bewegungen eine Herausforderung für ein solches
Projekt. Beuys war über diesen Vorschlag begeistert, meinte aber, er
könne das nicht erledigen. Das führte zu der Frage, ob WH diese
Aufgabe übernehmen könne. Bis zum Termin der Veröffentlichung
- vorgesehen war die Weihnachtsausgabe der Zeitung - standen zwei Wochen zur
Verfügung. Als das Manuskript nach einer Woche vorlag, fuhr Wilfried
Heidt mit Peter Schata zu Beuys nach Düsseldorf, um mit ihm den Text
an einem Nachmittag und in der folgenden Nacht zu redigieren. Als "Aufruf
zur Alternative" erschien die Arbeit am 23. Dezember mit Bild und Namen
von Beuys in der FR. Am Schluss des Textes war mit ihrer Achberger und Düsseldorfer
Adresse die FIU zur Kontaktaufnahme für Interessenten angegeben. Über
Wochen hin meldeten sich viele, um in dieser Richtung mitzuarbeiten.
Inhaltlich war der "Aufruf" die Mitteilung dessen, was sich in den
5 Jahren ihrer Zusammenarbeit für Beuys und Heidt ideell, politisch und
praktisch als das in dieser historischen Situation der Öffentlichkeit
wesentlich Mitzuteilende ergeben hatte. Wer den Text studiert, wird - auch
durch die entsprechenden Quellenangaben - erkennen, dass auch für dieses
Projekt dasjenige eine zentrale Bedeutung hatte, was durch die Begegnung mit
Wilhelm Schmundt der je eigenen Arbeit - in Ergänzung und Vertiefung
der "Quelle Steiner" - eine neue Qualität gegeben hatte. Dass
ein Beuysianer 1989/ 90 ohne Absprache mit dem Autor des Textes den "Aufruf"
in hoher Auflage in der untergehenden DDR als die Botschaft von Beuys zur
"Wende" verbreitete, zeigt immerhin, dass ihm zu diesem Aufklärungszweck
über das Notwendige nichts geeigneter erschien; dass er dabei aber anstelle
der Achberger Adresse seine eigene setzte, weist auch symptomatisch auf das
Problem hin, das die Forschungstagung zu untersuchen hatte.
3. Nach der Documenta 1977, zu der insbesondere Peter Schata als Leiter des
Achberger Verlages über Wochen hin die Durchführung des Achberger
Jahreskongresses im Rahmen des Beuys-Projektes "Honigpumpe am Arbeitsplatz"
vorbereitet hatte (was übrigens auch die erste Begegnung Beuys/Dutschke
ermöglichte), galten zahlreiche Gespräche zwischen Beuys und Heidt
der Frage, ob es an der Zeit sei, in der BRD eine zu den etablierten alternative
Partei ins Leben zu rufen, um für den dritten Weg auch parlamentarisch
wirken zu können. Dass dabei eine schwerpunktmäßig ökologisch
akzentuierte Formation nicht als optimal angesehen wurde, zeigte sich auch
im "Aufruf zur Alternative", wo als Stichwort zu dieser Frage der
Begriff "Union für die Neue Demokratie" genannt ist. Als sich
dann aber die Dinge innerhalb der ökologischen Bewegung so entwickelten,
dass sich mehrere grüne Parteien und "Listen" bildeten, modifizierten
Beuys und Heidt ihre Überlegungen zugunsten einer Beteiligung an dieser
Entwicklung. Und so wurden die FIU und die "Aktion Dritter Weg"
1979 zwei von fünf Gründungsorganisationen der Partei "Die
Grünen" und arbeiteten in den ersten Jahren mit der im "Aufruf"
dargelegten "Alternative" sowohl in progammatischer wie in organisatorisch-struktureller
Hinsicht an der Bildung des Profils dieser neuen politischen Kraft.
XI.
Während Beuys mit den sehr aufwendigen Vorbereitungsarbeiten für
seine Beteiligung an der Documenta 1982 ("7000 Eichen") beteiligt
war, ergaben sich für die Achberger/Düsseldorfer Strömung bei
den Grünen im Hinblick auf deren erste Beteiligung an einer Bundestagswahl
(1983) wachsende Schwierigkeiten. Ihre Position des "Dritten Weges"
wurde von linksmarxistischen und konservativen Gruppierungen, die den Grünen
beigetreten waren, zunehmend bekämpft. Zwar war es längere Zeit
ungewiss, wer die Oberhand gewinnen würde, aber schließlich waren
es vor allem die intriganten und manipulierenden Methoden dieser Gruppen,
welche die von Heidt/ Beuys und ihren Freunden verfolgte Strategie mehr und
mehr abdrängen konnte. Das führte 1983 zu dem Entschluss, eines
der wesentlichen Elemente dieser Strategie, nämlich den Gedanken der
direkten Demokratie durch Volksabstimmung nicht nur in einer gewissen rudimentären
Form durch die Grünen zu propagieren, sondern dieses Element unabhängig
von den Grünen mit einer Bürgerinitiative zu verfolgen.
Daraus entstand dann das letzte große Projekt, das unter Achberger Federführung
mit Beuys zusammen noch ein gut Stück gemeinsam betrieben werden konnte.
Wieder war es so, dass Beuys aufgriff, was in Achberg erforscht und konzipiert
worden war. Bei dem Gedanken der direkten Demokratie ging es jetzt freilich
nicht nur darum, wie in der Arbeit von Peter Schilinski und wie bei Beuys
um 1972 nur allgemein die Volksabstimmung als Ergänzung oder Alternative
zum Parlamentarismus zu propagieren. Vielmehr lagen der Initiative "Aktion
Volksentscheid" zum einen umfänglich historische, verfassungsrechtliche,
sozialwissenschaftliche und menschenkundliche Forschungen zu grunde und zum
andern mündeten die dabei gewonnenen Erkenntnisse in der Erarbeitung
der Idee der "dreistufigen Volksgesetzgebung" und dem Entwurf einer
entsprechenden verfassungsgesetzlichen Regelung. Dieses Arbeitsergebnis wurde
Anfang 1984 einerseits dem Deutschen Bundestag in Form einer Petitionsschrift
vorgelegt und gleichzeitig in der größten deutschen Wochenzeitung
"Die Zeit" (1984/Nr. 1) veröffentlicht. Zehntausende schickten
spontan ihre Zustimmungserklärung an die Initiative, bei der es ja um
den ersten elementaren Schritt im Prozess der Verwirklichung der Dreigliederung
aus der Mitte des Rechtslebens ging.
Indem Beuys als Mitträger der Initiative wirkte, floss dadurch in sein
Werk auch dasjenige ein, was auf diesem Gebiet der Achberger Mitarbeiter Bertold
Hasen-Müller, anthroposophisch orientierter Altphilologe, Philosoph,
Historiker und Rechtswissenschaftler zur Profilierung des Projekts beitrug.
BHM (Jahrgang 1932) war in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auf
die Achberger Arbeit aufmerksam und dann insbesondere im Rahmen des Demokratie-Projektes
prägend aktiv geworden.
Wilfried Heidt hatte Joseph Beuys nur wenige Wochen vor seinem Tod, in Unkenntnis
einer nahenden Krankheit, eingeladen, an einem großen, von Anthroposophen
in Witten geplanten Kongress mitzuwirken. Ärzte der Filderklinik hatten
gegen Ende 1983 die Frage nach einer "politischen Initiative" aus
dem Dreigliederungsimpuls aufgeworfen. Es schlossen sich über eine längere
Zeit verschiedene Gesprächsrunden an, doch zu einer Initiative kam man
nicht. Um die Sache nicht ganz im Sande verlaufen zu lassen, fasste man den
Entschluss, wenigstens einen Kongress zu veranstalten. Es fand sich für
die Durchführung ein Mäzen und so kam es im November 1985 zum "Mitteleuropa"-Kongress
in der Stadt-Halle zu Witten. Wilfried Heidt und Bertold Hasen-Müller
waren Mitglieder einer Vorbereitungsgruppe. Doch ihr Vorschlag, Joseph Beuys
zu einem Vortrag im Plenum einzuladen, wurde abgelehnt. 1985 galt Beuys in
den offiziellen Kreisen der Anthroposophen noch immer als eher suspekt. Seine
Mitwirkung in einem der drei Hauptseminare ("Rechtsleben") wurde
schließlich akzeptiert. Doch dann meldete sich Beuys kurz vor der Veranstaltung
bei Wilfried Heidt aus dem Ausland am Telefon; mit gebrochener Stimme teilte
er mit, dass er krankheitshalber leider nicht nach Witten kommen könne.
Es war der letzte Kontakt zwischen den Freunden. Ob Joseph Beuys mit seinem
nahen Tod rechnete? Wilfried Heidt meint: mit Sicherheit nicht.
XII. Obwohl
manche Einzelheiten des während der Forschungswoche beleuchteten Zusammenhanges
der Quellenlage nach noch nicht vollständig dokumentiert sind, lässt
sich die erkundete Problematik zusammenfassend wie folgt charakterisieren:
Schon zu Lebzeiten konnten diejenigen, die mit dem volkspädagogischen
Wirken von Joseph Beuys in Berührung kamen, dadurch allein nicht wirklich
in Erfahrung bringen, dass die dabei von ihm vermittelten wesentlichen Ideenzusammenhänge
nicht seinem eigenen Forschen entstammten, sondern zunächst der Anthroposophie
Steiners entnommen waren. Diesem Fundament wurde ab Ende der sechziger Jahre
dasjenige hinzugefügt, was Beuys aus der einschlägigen Arbeit anderer
Anthroposophen kennenlernte. Bis ca. 1972 ließ er sich insbesondere
durch die Interpretationen der "Kernpunkte" anregen, die Peter Schilinski
laufend in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift publizierte; dabei spielte
immer wieder auch der Hinweis auf die grundlegende Bedeutung der direkten
Demokratie für die Konstitution des Rechtslebens eine zentrale Rolle.
Hinzu kamen in dieser Zeit auch schon die Einflüsse aus den ersten Texten
von Wilfried Heidt (1969/72) zur Idee des "dritten Weges" ("Freiheit,
Demokratie, Sozialismus") und zur Perspektive einer "Internationalen
Freien Universität" (mit interdisziplinärer Forschung).
Von größter Wichtigkeit wurde für Beuys schließlich
seine Begegnung mit der von Wilhelm Schmundt entwickelten und in den Achberger
Veranstaltungen, an denen auch Beuys mitwirkte, vorgetragene "Elementarlehre
des sozialen Organismus". Obwohl Beuys für diese Inhalte zum Teil
ein eigenes originäres Vokabular ins Spiel brachte, war der Inhalt seines
volkspädagogischen Wirkens ab 1973 entscheidend durch diesen Einfluss
geprägt, der auch für den "Aufruf zur Alternative" (1978)
und für seine Beteiligung bei den Grünen maßgebend war.
Die Vertiefung des Verständnisses der direkten Demokratie durch die Konzeption
der "dreistufigen Volksgesetzgebung" ergab sich für Beuys ab
1983 durch die der "Aktion Volksentscheid" zugrunde liegenden, aus
der Zusammenarbeit zwischen Wilfried Heidt und Bertold Hasen-Müller (2002
) erreichten Erkenntnisse. Aus der Arbeit von Beuys wurde für die
Demokratiebewegung seine Skulptur "Hase mit Sonne" (1982) insofern
bedeutsam, als sie in graphischer Form ab 1984 als deren Logo und aber 1989
als "Hoheitszeichen" des Passes der "Direkt-Demokratischen
Republik" fungierte.
Dass die Aufnahme von Arbeiten aus der Werkstatt von Joseph Beuys ihrer Herkunft
nach für jedermann nie unbekannt war, ergab sich aus der allgemeinen
Bekanntheit insbesondere derjenigen seiner Kreationen, über welche die
Öffentlichkeit durch seine Beiträge zu den Documenta-Anlässen
durch die Medien informiert war. Dass umgekehrt seine wichtigsten Quellen
für seine vielfältigen volkspädagogischen Aktivitäten
den meisten bis heute verborgen geblieben sind, ist die Folge seiner allzu
großen Zurückhaltung, sie aufzudecken, die Folge der Uninformiertheit
der meisten, die sein Werk zum Gegenstand eigener Betrachtungen gemacht haben
und die Folge eines bewussten Verschweigens einiger seiner durchaus hinreichend
informierten Anhänger.
Mit diesen Ergebnissen kann künftig ein realistischeres Bild nicht nur
über eine der herausragendsten Persönlichkeiten der zweiten Hälfte
des zwanzigsten Jahrhunderts gewonnen, sondern auch ein Beispiel dafür
studiert werden, wie die anthroposophische Bewegung im Wirken für ihre
sozialen Aufgaben den Herausforderungen des Zeitgeschehens gemeinschaftlich
geistesgegenwärtig entgegentreten könnte, wenn ihre Repräsentanten
so zusammenarbeiten und sich so ergänzen würden, wie es zwischen
Beuys und seinen genannten Freunden der Fall war.
Und nicht zuletzt werden die Ergebnisse denen hilfreich sein, die durch die
Einbeziehung seiner Quellen ein besseres Verständnis über das ihm
Wichtigste, die wesensgemäße Erkenntnis des sozialen Organismus
und der damit verbundenen aktuellen politischen Aufgaben gewinnen wollen.
Dazu freilich muss man auch jene Erkenntnisse aufgreifen, die erst nach Beuys
erreicht wurden. Näheres dazu finden die Interessierten auf den weiteren
Seiten des WIEGE-Instituts oder auf www.willensbekundung.net,
sowie beim Internationalen Kulturzentrum Achberg D-88147 Achberg,
Tel. 08380-98228, kulturzentrum-achberg@gmx.de
Anhang
Wie gut sich Forschungs- und praktische Projektarbeit ergänzen können, wissen alle diejenigen, die insbesondere in den letzten Jahren den Einladungen zu Tagungen ins Internationale Kulturzentrum Achberg folgten. So war es auch dieses Mal.
Schon bei der Tagung zur Jahreswende 2003/04 stand das Hilfsprojekt "Domes for Living, Learning & Health" auf der Tagesordnung. Es ist eines der Ergebnisse einer im Institut für Zeitgeschichte und Dreigliederungsentwicklung seit einigen Jahren schon verfolgten umfassenderen sozialwissenschaftlich-baukünstlerischen Fragestellung, über die bei anderer Gelegenheit ausführlicher berichtet werden sollte. Bei "Domes for Living " geht es um die Antwort auf das weltweite Problem der millionenfachen Obdachlosigkeit und mangelnden Behausung für die Erziehung und den Unterricht der Kinder und der medizinischen Betreuung der kranken Menschen insbesondere in den ärmsten Gegenden der Welt.
In Übereinstimmung mit einem Hinweis Rudolf Steiners,
der im Zusammenhang mit dem Kuppelelement des ersten Goetheanumbaues einmal
äußerte (Siehe Stuttgarter Vortrag von 7. 3. 1914: »Die entwicklung
der Baukunst im Zusammenhang mit den Jahrtausendwenden«), es würden
im 21. Jahrhundert überall
auf der Welt Kuppelarchitekturen auftauchen, wurde in der Achberger Werkstatt
ein Produkt entwickelt (und in Prototypen bereits erprobt), mit dem es praktisch
möglich sein wird, die angedeuteten Probleme Schritt für Schritt
weltweit zu lösen, wenn aus den reichen Gesellschaften die erforderliche
Hilfe bei der Realiserung geleistet werden wird.
Bisher war es ja bei all den großen Mangelerscheinungen auf der Erde
ein schmerzlicher Widerspruch, dass Hilfsprojekte immer nur verhältnismäßig
wenigen Betroffenen zugute kamen. Das wird bei manchen der großen Nöte
auch in Zukunft solange so bleiben, als die antisoziale kapitalistische Privatwirtschaft
das Feld beherrscht. Doch auf dem Gebiet der Obdachlosigkeit können wir
- nachdem jetzt das taugliche Produkt zur Verfügung steht - im Elementaren
menschenwürdige Behausungen für alle schaffen. Wenn wir nur wollen.
Und in gewisser Hinsicht ist ja die Behausung, die vor Kälte und Hitze,
Wind und Wetter, Regen und Schnee schützt die Voraussetzung für
alles andere.
Mit dem Produkt, das wir entwickelt haben und bei dem ausschließlich
nachwachsende Rohstoffe verwendet werden, können die Menschen, wenn wir
ihnen sozusagen das Skelett zur Verfügung stellen, meist mit weiteren
Materialien, die sich vor Ort finden, und mit ihrer eigenen Leistung in kürzester
Zeit - nämlich binnen weniger Tage - sich das Nötigste für
eine menschenwürdige Behausung schaffen. Ob sie in ihre Not unverschuldet
durch Naturkatastrophen oder durch Kriege und Bürgerkriege geraten sind
und oft jahre-, sogar jahrzehntelang schutzlos darben mussten, das kann jetzt
schnell durch gemeinsames Tun überwunden werden, wenn wir aus den reichen
Ländern Europas, Amerikas und Australienes und auch mit Unterstützung
der wohlhabenden Klassen aus Lateinamerika, Asien und der arabischen Welt
unseren Teil dazu beitragen.
Mit 1000,00 € können wir auf Dauer jedem obdachlosen Menschen ein
sicheres, auch erdbebensicheres Zuhause verschaffen, jedem Kind seine Schule
und jedem kranken Menschen, der stationärer Behandlung bedarf, das entsprechende
Gebäude. Und Entsprechendes gilt für die Errichtung kultureller
oder politischer Gemeinschafts- räume, auch für Produktionsstätten
oder landwirtschaftliche und gärtnerische Objekte und anderes mehr.
Wir haben während der Forschungstagung in den Stunden
der Pausen auf dem Gelände des Internationalen Kulturzentrums Prototypen
der Bauweise erstellt, mit welcher wir das angedeutete Projekt realisieren
wollen. Mit zwei Startprojekten wollen wir beginnen: Je 100 Objekte für
bis zu sechsköpfige Familien, die einerseits in der iranischen Stadt
Bam durch das verheerende Erdbeben und andererseits im kriegszerstörten
afghanischen Kabul - wie Abertausende ihrer Leidensgenossen - unter katstrophalen
Umständen hausen. Es soll dies die Initialzündung für eine
Welle der Hilfe werden, die immer mehr Menschen wieder eine menschenwürdige
Lebensperspektive eröffnet.
Da dieses Projekt - wenn es sich im angedachten Umfang entwickeln wird - auch
eine erhebliche wirtschaftliche Dimension annehmen, d. h. die Fähigkeiten
von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Einsatz bringen wird, kann
es ab einem bestimmten Volumen selbst zur Quelle der Finanzierung für
weitere, für die Gesundung des sozialen Organismus notwenige Aktivitäten
und insofern zu einem weltweit wirksamen Beispiel für dasjenige werden,
was die Idee der Dreigliedeerung des sozialen Organismus zu leisten vermag,
wenn sich in ihre moralische Intuition, moralische Phantasie und moralische
Technik wesensgemäß und professionell verbinden.
Für nähere Informationen und für erbetene
Spenden
wende man sich an:
Internationales Kulturzentrum Achberg D-88147 Achberg
Konto-Nr. 2928708 PostBank Stuttgart BLZ 60010070
IBAN: DE03 6001 0070 0002 9287 08 - BIC: PBNKDEFF
Der Anhang zum Tagungsbericht:
Bilder von der Tagung:
"Joseph Beuys und seine Quellen"
Wilfried Heidt
berichtet aus der
Achberger Arbeit und über
ihre Bedeutung für Beuys:
Das Gelände und die Umgebung des
Humboldt-Hauses:
![]()
Während der Forschungs-tagung zu Beuys haben wir
uns in den Pausen an einer anderen »Baustelle« im Zusammenhang
mit dem Projekt »Domes for Living, Learning & Health« praktisch
betätigt (siehe Anhang
)
...
... im Modell: das
Medianum-Ensemble ...
... und wir übten uns in der Kunst des Verhüllens:
Joseph Beuys und seine Quellen
Bericht über eine Forschungstagung
im
Internationalen Kulturzentrum Achberg
von Gerhard SCHUSTER